Im Zuge meiner Arbeit als Ergotherapeutin erlebe ich immer wieder die Frustration und teils auch Zermürbtheit von Eltern im Alltag mit ihren Kindern, die AD(H)S haben. Sei es zuhause bei der Hausaufgabensituation oder im Tagesablauf, wenn es um die Morgen- und Abendroutine geht.
Da ist ein Auftrag ans Kind und man denkt sich selbst: ich habe doch nur gesagt, es soll sich anziehen und Zähneputzen gehen. Die Minuten vergehen, das Kind kommt nicht zurück. Es ist im Spiel versunken, weil es einen neuen, attraktiveren Reiz entdeckt hat – und den alten Handlungsimpuls einfach nicht aufrechterhalten konnte. Anziehen und Zähneputzen? Das ist längst vergessen.
Aus einer Hausübung, die bei Erst- und Zweitklässlern im Schnitt maximal 30 Minuten dauern sollte, werden locker zwei bis drei Stunden. Das Kind entdeckt einen Radiergummi am Boden – oder es reicht ein Blick aus dem Fenster, wo eine Katze vorbeistreunt – und zack, ist die Hausübung weg. Externe Reize unterbrechen die Handlungssteuerung, manchmal brechen sie sie völlig ab.
Welche Tipps und Tricks es gibt, erfährst du am Ende meines Blogartikels! Auch welche Empfehlungen ich in meinen Shop für dich habe!
Diese zwei Begriffe werden meiner Ansicht nach sehr oft verwechselt. Aufmerksamkeit ist nicht einfach “aufpassen”. Sie ist die Grundvoraussetzung dafür, dass unser Gehirn überhaupt arbeiten kann – alles andere baut darauf auf.
Man unterscheidet:
Die Konzentrationsfähigkeit ist also ein Teilbereich der Aufmerksamkeit!
1. Das Dopamin-Problem
Dopamin ist vereinfacht gesagt der Botenstoff für Motivation, Antrieb und Belohnung. Bei Kindern mit AD(H)S wird Dopamin entweder zu wenig produziert oder zu schnell wieder in die Nervenzelle zurückgezogen.
Das Ergebnis: Das Gehirn bekommt zu wenig Dopaminsignal. Und ohne ausreichend Dopamin startet die Motivation einfach nicht – egal wie oft Bezugspersonen mahnen.
2. Noradrenalin und die Alertness
Noradrenalin, der zweitwichtigste Botenstoff ist zuständig für genau das, was wir vorhin besprochen haben – die Alertness, die Aktivierungsbereitschaft. Auch dieser Botenstoff ist bei AD(H)S oft zu wenig verfügbar.
Das erklärt warum manche Kinder mit AD(H)S Stimulation suchen – laute Musik, Bewegung, Aufregung. Das Gehirn versucht sich selbst zu regulieren und das fehlende Noradrenalin irgendwie zu kompensieren.
3. Der präfrontale Kortex (Frontalhirn) – die Schaltzentrale
Der präfrontale Kortex ist der Teil des Gehirns direkt hinter der Stirn. Er ist zuständig für alle Exekutive Funktionen. Das betrifft das Planen und Organisieren, Impulse bremsen, Arbeitsgedächtnis, damit meint man kurzfristig Informationen festhalten sowie das Zeitgefühl einschätzen.
Bei Kindern mit AD(H)S ist dieser Bereich nachweislich unteraktiv. Das heißt, alle Kinder mit AD(H)S weisen eine Störung der Exekutiven Funktionen auf. Das erklärt sehr viel: Das Kind vergisst mitten in der Aufgabe was es eigentlich tun wollte, hat kein Zeitgefühl und kann Impulse nicht bremsen.
Hier findest du zahlreiche Blogartikel zum Thema Exekutive Funktionen:
Exekutive Funktionen: Der Schlüssel zum Schulerfolg?
Wenn Kinder Schwierigkeiten bei der Hausübung oder bei Aufgaben in der Schule haben
Was haben die exekutiven Funktionen mit Aufmerksamkeit und Sozialverhalten zu tun?
Was sind Exekutive Funktionen und warum sind sie so wichtig?
4. Inhibition bei AD(H)S:
Russell Barkley, einer der renommiertesten ADHS-Forscher weltweit, meint in seiner These, das AD(H)S im eigentlichen Sinne eine Störung der Verhaltenshemmung ist.
Das Kind sieht im Fenster eine Katze – und ehe der präfrontale Kortex (Frontalhirn) sagen kann "warte, du machst gerade Hausaufgaben", ist das Kind bereits bei der Katze. Der Bremsweg ist schlicht zu lang. Daher haben Kinder mit AD(H)S solche Schwierigkeiten mit der Planung, dem Aufschub von Impulsen und dem Ausblenden von externen Reizen.
5. Das Belohnungssystem
Der präfrontale Kortex hat noch eine weitere wichtige Aufgabe: Er verbindet eine Handlung mit einer zukünftigen Belohnung. "Wenn ich jetzt die Hausaufgaben mache, darf ich danach spielen."
Bei AD(H)S funktioniert diese Verbindung schwächer. Die Belohnung die morgen oder in einer Stunde kommt, ist neurobiologisch gesehen kaum spürbar. Das Gehirn lebt sehr stark im Jetzt.
Deshalb wirken Erst-Dann-Karten oder Punktepläne so gut – sie machen die Belohnung sichtbar und greifbar, also quasi näher.
In der Ergotherapie gehen wir davon aus, dass eine Strukturierung im Alltag die Basis für die Handlungsfähigkeit von Kindern mit AD(H)S ist. Wenn die innere Strukturierung fehlt - also der Bereich der Exekutiven Funktionen (Planung, Arbeitsgedächtnis, Hemmen von Impulsen uvm), dann benötigt es eine äußere Struktur. Und diese Struktur hilft, externe Ablenker bzw. innere Ablenker zu reduzieren, Impulse zu hemmen, ein zeitliches Gefühl zu bekommen und planerisch vorzugehen.
Wie kann Struktur aussehen? Beispielsweise durch Schritt für Schritt Bildkarten, sogenannten Strukturierungskarten. Oder in dem Tagesabläufe sichtbar gemacht werden und das Kind erledigte Aufgaben abharken kann. Bei Kindern mit AD(H)S ist der Raum zwischen Reiz und Reaktion quasi nicht vorhanden. Und genau um das geht es, diesen Raum größer werden zu lassen, in dem es z.B. mit Strukturierungskarten eine visuelle Hilfe bekommt oder mit Erst-Dann Karten sichtbar gemacht wird -”Erst beruhigen/durchatmen, dann handeln”, erst dieser Schritt, dann der nächste Schritt.
Zahlreiche Ideen findest du nicht nur in meinem Shop, sondern auch in meinem AD(H)S Begleiter. Am Ende des Artikels liste ich alle empfehlenswerte Produkte für Kinder mit AD(H)S auf:
Der AD(H)S Begleiter: Selbststeuerung & Strukturkarten für den Alltag
Etwas provokant die Überschrift, aber leider sind die Auswirkungen mit den digitalen Medien bei vielen Menschen immer noch nicht angekommen. Wenn du willst, dass sich die Konzentrationsspanne verschlechtert oder einfach nicht verbessert, obwohl das Kind zur Therapie geht, du vielleicht schon viel Geld dafür ausgegeben hast, dann lass das Kind weiterhin viel am Handy sein, 30 Sekunden Videos auf TikTok, SnapChat, Youtube und Instagram konsumieren. Am besten stundenlang. Leider beobachte ich dieses Szenario sehr oft. Wir wissen aus Studien, das Kinder mit AD(H)S zu Süchten neigen und vor allem der Umgang mit digitalen Medien besonders schwer zu handhaben ist. Viele belohnen ihr Kind mit mehr Medienzeit, was ein großer Fehler ist, der übrigens für alle Kinder gilt. Digitale Medien sollten nie als Belohnung eingesetzt werden. Und dann kann noch so viel Geld für Therapie ausgegeben werden, Verbesserungen werden höchstwahrscheinlich ausbleiben.
Dann klopfe dir selbst trotzdem auf die Schulter, finde Situationen wo es gut gelaufen ist, auch wenn es kleine Dinge sind. Schon alleine wenn du meinen Blogartikel liest, zeigt das, dass du dich engagierst und dein Bestes gibst! Tausche dich mit anderen aus, welche in einer ähnlichen Situation sind und vielleicht findest du Auftankpausen für dich selbst, wo du durchatmen kannst und neue Energie schöpfst.
Produktempfehlungen für Kinder mit AD(H)S:
Der AD(H)S Begleiter: Selbststeuerung & Strukturkarten für den Alltag
Das Token System - Ein Leitfaden für Eltern und Pädagogen
Aufgabenhelfer 2 für Schulkinder
Selbstregulation Kinder - Drehzahlmesser zur Selbststeuerung
Mit dem Wenn-Dann Plan zum erfolgreichen Handeln
Aufgabenhelfer Aufgabenhelfer Aufgabenhelfer Aufgabenhelfer Aufgabenhelfer Aufgabenhelfer 1
Routineplaner für Kinder - Morgen-und Abendroutine
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Kinder belohnen? Ja oder Nein? Das Tokensystem näher beleuchtet
Selbstregulation bei Kinder - der Drehzahlmesser
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