Was haben die exekutiven Funktionen mit Aufmerksamkeit und Sozialverhalten zu tun?

Ich habe HIER bereits einen Artikel über die exekutiven Funktionen geschrieben und möchte nochmal darauf eingehen, weil wirklich viele Kinder, die in der Ergotherapie sind, Schwierigkeiten haben und es nicht so leicht ist das auch zu erkennen.

Was bedeutet das?

Der Begriff „Exekutive Funktionen“ ist nicht sehr geläufig, aber für das jetzige, als auch spätere Leben als Kind und schließlich als Erwachsener sehr wichtig.

Der Ausdruck exekutive Funktionen ist ein Sammelbegriff aus der Hirnforschung und Neuropsychologie. Darunter wird verstanden, dass der Mensch ausgestattet mit seinen geistigen Funktionen sein eigenes Verhalten unter Berücksichtigung der Umwelt steuern kann. Das wird benötigt, damit der Mensch sein Handeln an die Situation anpasst – sogenannte „Kognitive Kontrolle“ hat.

Ein ganz einfaches Beispiel: Wenn ich in der Bank arbeite und gerade einen Kunden betreue kann ich nicht plötzlich privat telefonieren, weil mich gerade ein Freund anruft und den Kunden dann einfach stehen lassen. Wenn ich das mache, werde ich sicher nicht lange den Job behalten. Das ist jetzt ein sehr drastisches Beispiel, aber soll ausdrücken, dass der Mensch situationsangepasst handeln muss, je nach dem, was auch von der Umwelt gerade gefordert wird. Ein Mensch muss in der Lage sein, dass er nicht jedem Impuls der ihm gerade in den Sinn kommt, auf der Stelle und sofort, nur weil er jetzt will, nachgehen kann. Manchmal müssen Dinge aufgeschoben und priorisiert werden.

Exekutive Funktionen werden auch benötigt, wenn automatisches Handeln für eine Problemlösung nicht mehr ausreicht. Wenn also ein unvorhersehbares Hindernis auftritt, muss ich mein Handeln anpassen können.

Zum Beispiel will das Kind gerade Hausübung machen und merkt, dass es das benötigte Buch dafür in der Schule vergessen hat. Es muss sein Handeln also unterbrechen, neue Entscheidungen treffen und eine Lösung finden.

Dazu benötigt es Bewusstsein und Aufmerksamkeit. Das Kind muss also bemerken, dass es das Buch nicht mit hat, dass das für die Hausübung notwendig ist. Es muss sich also entsprechend organisieren können.

Es muss auch vorausschauend denken können und schon in der Schule die nötige Aufmerksamkeit besitzen, dass es sich selbst organisiert und alle dafür benötigten Materialien mithat. Daher steht über dem Ganzen als sehr zentraler Punkt, die Aufmerksamkeit.

Das heißt nicht, dass das Kind nie was vergessen darf, das tut jeder. Aber wenn das wirklich sehr oft vorkommt, auch in anderen Bereichen, dann könnte es in den exekutiven Funktionen Schwierigkeiten haben.

Die exekutiven Funktionen benötigen wir für:

  • das Setzen von Zielen,
  • strategische Handlungsplanung zur Erreichung dieser Ziele
  • Einkalkulieren von Hindernissen auf dem Weg dahin
  • Entscheidung treffen und Prioritäten setzen
  • Selbstkontrolle (Impulskontrolle und Selbstregulation– meine Impulse auch mal unterdrücken und aufschieben können)
  • das Arbeitsgedächtnis (Merkfähigkeit, Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis)
  • bewusste Aufmerksamkeitssteuerung (z.B. Fokus halten können)
  • zielgerichtetes Beginnen, Koordinieren und Sequenzieren von Handlungen (z.B. wenn ich einen Tee zubereiten will, muss ich vorher das Wasser heiß machen – dieser Schritt ist für das Ergebnis die Voraussetzung)
  • motorische Umsetzung, Beobachtung der Handlungsergebnisse und Selbstkorrektur (z.B. das Erkennen von Fehler, beobachten ob ich in der Handlung weiterkomme oder feststecke)

Kein Kind wird mit fertigen exekutiven Funktionen geboren, denn sie reifen mit dem Älter werden. Ein drei jähriges Kind hat natürlich eine schwache Impulskontrolle oder Selbstregulation als ein 7 jähriges Kind. Ein pubertierender Jugendlicher hat meist auch noch keine fertig entwickelten exekutiven Funktionen. Grundsätzlich spricht die Forschung davon, dass die exekutiven Funktionen in den frühen 20ern fertig ausgebildet und ausgereift sind. Dazu benötigt das Kind aber Unterstützung, genauso wie es auch Liebe und Geborgenheit benötigt.

Die exekutiven Funktionen sind überall im Alltag von zentraler Bedeutung: Sie sind unverzichtbar für eine eigenständige Lebensführung und machen Selbstdisziplin, Zeitmanagement, Umsetzungskraft und Belohnungsaufschub erst möglich.

Die Forschung ergab, dass sich alle komplexeren exekutiven Funktionen auf drei unabhängige Basisprozesse reduzieren lassen:

  • Wechsel des Aufmerksamkeitsfokus (shifting – Was ist gerade wichtig und unwichtig, wo muss ich Prioritäten setzen)
  • Inhibition dominanter Antworttendenzen (inhibition = Hemmung, damit meint man, dass ich Impulse kontrollieren kann und zum Beispiel nicht bei Kleinigkeiten ausraste, sozial- Unangebrachtes äußere)
  • Aktualisierung von Arbeitsgedächtnisinhalten (updating – Wissen abrufe oder zwischenspeichern – einfaches Beispiel: Beim Kopfrechnen muss ich kurz zwischen speichern, aber auch im Alltag muss ich immer wieder den Faden sozusagen neu aufnehmen und wissen was ich eigentlich gerade tun wollte)

Die Aufmerksamkeit ist dabei ein Schlüsselfaktor.

Bei einer Fortbildung wo ich einmal war, meinte der Vortragende, dass im Grunde alle Kinder, die Aufmerksamkeitsschwierigkeiten haben, gleichzeitig ein Problem mit den Exekutiven Funktionen haben.

Die exekutiven Funktionen werden unterteilt in die sogenannten „kalten exekutiven Funktionen“ und „warmen exekutiven Funktionen“

 Zu den kalten zählen:

  • Arbeitsgedächtnis
  • Inhibition (Hemmung von Impulsen)
  • Kognitive Flexibilität (ich kann mich flexibel verhalten und neu einstellen und anpassen)

Zu den warmen zählen:

  • Motivation (auch Schulbereitschaft)
  • Emotionale Bewertung der Situation (andere Perspektiven einnehmen können)
  • Soziale Parameter in der Klasse und Gruppe

Die exekutiven Funktionen sitzen neuronal gesehen im Frontalhirn und in diesem Bereich sitzen eben auch die Funktionen wie Sozialverhalten, Hemmung, Motivation, Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis, problemlösendes Denken etc.

Exekutive Funktionen und die sozial-emotionale Entwicklung

Schüler mit höherer Selbstregulationsfähigkeit verfügen nicht nur über bessere Schulleistungen, sondern sie können auch mit Stress und Frustration besser umgehen. Wenn Kinder ihr Verhalten besser hemmen können und steuern können (zum Beispiel nicht Unangebrachtes sagen, Freundschaften pflegen, sich in andere hineinversetzen) ein ausgeprägteres Sozialverhalten und damit im Zusammenhang weniger Minderwertigkeitsgefühle, Einsamkeit oder depressive Verstimmung).

Soziale Anforderungen wie einen Streit, Kontaktaufnahme oder die Fähigkeit Kompromisse zu schließen setzt voraus, dass ich mich flexibel und kompetent verhalten kann. Dabei muss ich meine Emotionen auch kontrollieren können und die Fähigkeit haben, andere Perspektiven einnehmen können (z.B. wie geht es dem Kind, wenn ich es schubse).

Was hilft Kindern, die in den exekutiven Funktionen Schwierigkeiten haben, aus ergotherapeutischer Sicht?

  • Struktur und Alltagshilfen (Kalender, Checklisten, Ablaufpläne, Strukturierungshilfen, Merkkarten, Signalkarten, Routinen und Rituale, Timer oder Sanduhren (für das Zeitmanagement). Ich beschreibe es so, wenn im inneren „Chaos“ herrscht (wie meist bei Kindern die Schwierigkeiten in den exekutiven Funktionen haben, weil sie Impulse oft ungefiltert erleben und nicht sortieren können), brauchen sie eine äußere Struktur.
  • Räumliche Klarheit: Spielzeug dass gut in Kisten strukturiert ist, eventuell Aufräumpläne) weniger ist mehr – also weniger Reize.
  • Motivationshilfen: z.B. kann für manche Kinder ein vorübergehendes Belohnungssystem hilfreich sein (wird zwar immer wieder diskutiert) aber ich denke, dass sollte immer individuell betrachtet werden und sollte nur für Verhalten dienen, die dem Kind wirklich schwer fallen
  • Vorteile mit dem Kind besprechen und visualisieren (kommt aus dem Mentaltraining) aber kann sehr hilfreich sein. Mit dem Kind also besprechen, was es denn für einen Vorteil hat, wenn es dieses oder jenes schafft? Was gewinnt es dadurch? Zum Beispiel mehr Zeit zum Spielen, mehr schöne Zeit ohne Streiterein, es ist schneller mit der Hausübung fertig etc.
  • Glaubenssätze hinterfragen. Wenn ein Kind zum Beispiel keine hohe Hausübungsbereitschaft hat, kann versucht werden, dass man mit dem Kind gemeinsam Glaubenssätze aufdeckt, die im Hintergrund laufen und letztendlich so viel Energie kosten, dass das Kind so schwer in die Gänge kommt: Beispiel: Ich kann das sowieso nicht, ich schaffe das nie, die Hausübung ist so viel. Zum Beispiel eignet sich der Gedankensafe sehr gut: Alle Gedanken die das Kind gerade denkt, werden aufgeschrieben und im Safe (eine Kiste, Schachtel) versteckt. Somit sind sie raus aus dem Kopf.
  • Dranbleiben: Kleine erreichbare Ziele setzen: Und hier ist der Knackpunkt, Kinder die in dem Bereich Schwierigkeiten haben, denen fehlt ja oft das Durchhaltevermögen und die Frustrationstoleranz. Also dranbleiben ist eines der zentralsten Punkte aus meiner Sicht, bis das Kind Erfolgserlebnisse hat.
  • Erfolgserlebnisse: Ganz egal, sei es in der Freizeit oder schulisch, das Kind benötigt Erfolgserlebnisse wenn es etwas geschafft hat. Und hier benötigt es den Erwachsenen von außen, der ihm das auch vor Augen führt „Hey schau, da hast du das auch geschafft“. Das Buch „Ich schaffs“ von Ben Furmann mit dem Arbeitsbuch dazu ist an dieser Stelle zu erwähnen
  • Struktur in der Schultasche: Gemeinsames Ordnungssystem erarbeiten, alle D-Hefte farblich gestalten, alle Rechenhefte, oder ein Beschriftungssystem finden.
  • Hausübungsheft führen
  • Schrittkarten für Handlungsabläufe: zum Beispiel für den Ablauf am Morgen und/oder Abend
  • Starthilfe sowie Hilfe bei der Beendigung: z.B. mit immer wiederkehrenden Ritualen arbeiten (Hausübung zur selben Zeit, mit einem Gong einleiten, einen Schritt übernehmen und quasi einleiten: z.B. Schultasche als Anfangssignal zum Tisch stellen, bei Anziehprobleme: das Kind fragen was am schwierigsten für das Kind ist und hier gezielt helfen, alles andere selber machen lassen, etc.)
  • eine Hausübungszeit finden, die sich für das Kind gut anfühlt und nicht per se für den Erwachsenen 😉 . Sprich, wenn das Kind nach der Schule erstmals einige Stunden Erholung braucht und erst abends wieder aufnahmefähig ist, sollte das berücksichtigt werden. Nicht für jedes Kind passt es, dass es die HÜ sofort nach dem Essen erledigt.
  • Gemeinsame Gesellschaftsspiele: Hier werden nicht nur Frustrationstoleranz geübt, sondern auch kognitive Fähigkeiten. Und wichtig: Regeln vorher besprechen und einhalten.
  • Das Kind kann nie verlieren? Dann hängt das oft mit einem Minderwertigkeitsgefühl oder mit Perfektionismus zusammen. Hierbei kann mit selbstwertsteigernden Spielen gearbeitet werden, Affirmationen, Mutkarten oder sogenannte Kraftkarten etc. Und sein eigenes Verhalten als Elternteil hinterfragen: Erlaube ich mir Fehler? Wie lebe ich das Fehlermachen vor? Erlaube auch ich mir Schwächen? Und meine persönliche Meinung: Man tut dem Kind nichts Gutes, wenn ich es als Elternteil immer gewinnen lasse. Wenn das Thema Verlieren so schwierig ist, können auch Spiele gemacht werden, wo es nicht ums gewinnen geht, sondern um Kooperation! Und nebenbei bemerkt, es gibt auch genügend Erwachsene, die nicht verlieren können und hängt daher sicher auch mit dem individuellen Charakter zusammen 🙂 .

Wenn du Fragen hast, schreibe mir gerne an praxis@ergo-life.at