Der Schulstart ist ein besonders aufregendes Ereignis im Leben eines Kindes. Viele Kinder fiebern förmlich hin und haben eine so kindliche Vorfreude auf die Schule, dass sie es kaum erwarten können, mit ihrer neuen Schultasche in der Schule aufzuwarten. Bei manchen oder vielen hält die Freude an und sie gehen liebend gerne in die Schule. Bei anderen Kindern wiederum, verflüchtigt sich die zuvor kindliche Neugier und Motivation und mit jeder Schulwoche sind sie spätestens Weihnachten eher frustriert und demotiviert.
Warum ist das so? Was könnten Gründe dafür sein?
Natürlich gibt es zahlreiche Gründe, warum ein Kind nicht gerne in die Schule geht. In diesem Blogartikel möchte ich ein Kernthema aufgreifen. Die exekutiven Funktionen. Für mich sind das u.a. auch praktische Fähigkeiten. Der IQ spielt hier eine nicht allzugroße Rolle. Und man weißt aus Studien, dass Kinder, welche gut entwickelte Exekutive Funktionen haben, bessere Schulnoten, eine höhere Sozialkompetenz und weniger Verhaltensprobleme aufweisen. Diese Fähigkeiten sind sogar bessere Prädiktoren für den schulischen Erfolg als der IQ! Das wissen nur nicht viele. Zu sehr konzentriert man sich auf die Intelligenz.
Du kannst es dir auch so vorstellen. Die beste Intelligenz kommt nicht zur seiner Entfaltung, wenn die exekutiven Funktionen nicht gefestigt sind. Ein plakatives Beispiel:
Der IQ entspricht den talentierten Musikern eines Orchesters – jeder einzelne hochbegabt auf seinem Instrument. Die exekutiven Funktionen sind der Dirigent. Ohne Dirigent spielen die Musiker unkoordiniert, chaotisch und nicht im Takt – trotz ihres Talents entsteht keine harmonische Musik.
Was sind eigentlich exekutive Funktionen?
Exekutive Funktionen sind quasi das "Betriebssystem" unseres Gehirns. Diese höheren kognitiven Fähigkeiten entwickeln sich vom Kleinkindalter bis ins frühe Erwachsenenalter und steuern unser Denken und Handeln. Ungefähr ab dem 25 Lebensjahr sind sie vollständig entwickelt. Die Exekutiven Funktionen entwickeln sich nicht wie von Zauberhand alleine. Sie müssen Schritt für Schritt je nach Entwicklungsstand mit Hilfe des Erwachsenen erlernt werden. Wenn man Kinder z.B. in den Alltag miteinbezieht, ihnen was zutraut, selbst Vorbild ist uvm. Du findest weiter unten im Blog viele Tipps. Zu den wichtigsten exekutiven Funktionen gehören:
- Arbeitsgedächtnis: Informationen kurzzeitig im Kopf behalten und verarbeiten
- Inhibition (Hemmung): Unwichtige Reize ausblenden, Impulse kontrollieren
- Kognitive Flexibilität: Zwischen Aufgaben wechseln, sich an neue Situationen anpassen
- Planung und Organisation: Schritte zur Zielerreichung erkennen und umsetzen
- Aufmerksamkeitssteuerung: Konzentration aufrechterhalten
- Emotionsregulation: Gefühle angemessen steuern, sich in anderer hineinversetzen, Perspektivenübernahme, Kompromisse schließen
Warum sind exekutive Funktionen für die Schule wichtig?
Im Schulalltag sind exekutive Funktionen STÄNDIG gefordert:
- Ein Kind muss sich merken, was die Lehrerin gerade erklärt hat, während es gleichzeitig mitschreibt.
- Es muss Ablenkungen widerstehen, wenn der Banknachbar flüstert.
- Es muss planen, wie eine Hausaufgabe funktioniert, was es alles benötigt etc.
- Es muss flexibel zwischen verschiedenen Fächern und Anforderungen wechseln.
- Es muss seine Emotionen regulieren, wenn etwas nicht sofort klappt.
- Es muss Aufträge verstehen und umsetzen: Beispiel: Anweisungen des Lehrers sich merken können
- Es muss planerisches Wissen haben: Es werden immer wieder Tätigkeiten auftreten, welche das Kind vielleicht noch nie gemacht hat. So, jetzt ist die Sache, besitzt das Kind gewissen Handlungsplan und probiert es aus wie die Handlung gehen könnte? Oder fragt es sofort um Hilfe? Hat es ein Problemlöseverhalten oder probiert es ständig den falschen Lösungsweg immer wieder? Daher sind alle möglichen planerischen Aufgaben wo viele Handlungsabläufe gefragt sind, so wichtig. Wie Basteln, Werken, Kochen, Falten – denn diese bereiten auch indirekt auf Hausübungen vor. Dabei geht es darum, dass eine Handlung einen Beginn hat, einen Hauptteil und ein Ende. Es geht auch darum, zu überlegen was für Materialien brauche ich wofür? Habe ich alles? Was mache ich bei einem Hindernis? Bleibe ich dran bis zum Ende? Weiß ich, wann ich fertig bin? Wie wird eine Handlung beendet? Zum Beispiel durch aufräumen. Und wenn ein Kind also im ganz gewöhnlichen Alltagsgeschehen miteinbezogen wird, kann es das erlernen. Es müssen nicht künstliche Situationen dazu geschaffen werden.
Die Bedeutung für das spätere Leben
Die Auswirkungen gut entwickelter exekutiver Funktionen reichen weit über die Schulzeit hinaus:
- Beruflicher Erfolg: Z.B. Stressresistenz, Anweisungen vom Vorgesetzten umsetzen, wissen, wie man sich im beruflichen Kontext verhält, wenn man selbstständig tätig ist – sich organisieren können etc.
- Gesunde Beziehungen: Impulskontrolle, Empathie und sich in den anderen hineinversetzen, Konfliktlösung, Kompromisse schließen
- Körperliche Gesundheit: gewisse Selbstdisziplin bei Ernährung und Bewegung, Zielerreichung
- Psychisches Wohlbefinden: Emotionsregulation, Resilienz, Selbstreflexion, ins Tun und Handeln kommen, planen und strukturieren des Tagesablaufes, bei Schwierigkeiten Lösungen finden und nicht den Kopf in den Sand stecken, mit Unerwartetem zurechtkommen – flexibel agieren und nicht die Nerven verlieren
- Alltagsbewältigung: Organisation des Haushalts (kochen, putzen, etwas reperieren (einen Plan haben, strukturiert vorgehen etc.), Zeitmanagement, Finanzplanung, Steuererklärung, Termine einteilen und vorausschauendes Denken besitzen wenn ich mir einen neuen Termin einteile, Verlässlichkeit – sich an Abmachungen halten uvm.
Die frühzeitige Förderung dieser Fähigkeiten ist eine Investition in die Zukunft des Kindes. Denn, jeder kennt jemanden, da bin ich mir sicher – einen Mensch wo man sagt „Der hat sein Leben nicht im Griff". Das sind oft Menschen, wo vieles in der Kindheit verabsäumt wurde. Und es geht wirklich nicht darum, ein perfekter Mensch zu sein. Ich bin mir sicher, jeder hat irgendwo seine Schwierigkeiten. Doch die Frage ist, beeinträchtigen sie mich im Alltag, sodass ich oder mein Umfeld einen Leidensdruck spüren?
Wie können Eltern exekutive Funktionen fördern?
Die gute Nachricht: Exekutive Funktionen lassen sich trainieren! Am besten von Klein auf. Und natürlich kommt es auch auf meine Vorbildwirkung an und wie ich dem Kind etwas vorlebe. Besonders in der Vorschulzeit und den ersten Schuljahren sind diese Fähigkeiten noch sehr formbar. Effektive Förderung findet durch:
- Strukturierte Routinen: Feste Abläufe geben Kindern Sicherheit und trainieren Organisation, feste Plätze für Dinge, Struktur von Arbeitsmaterialien, Spielen etc.
- Vorausplanung: Bespreche mit dem Kind, was es für einen Ausflug einpacken muss, was für die Hausübung alles notwendig ist, für diese oder jene Aufgabe, das Kind soll je nach Situation und Entwicklungsstand zum Denken und Lösungsfindung angeregt werden!
- Gedächtnisspiele: Memory, "Ich packe meinen Koffer" und ähnliche Spiele fördern das Arbeitsgedächtnis und Spiele allgemein fördern Exekutive Funktionen. Es gibt auch die sogenannten Fex Spiele von Haba!
- Bewegungsspiele mit Regeln: "Feuer, Wasser, Sturm" oder "Stopp-Tanz" uvm. trainieren die Inhibition
- Kreative Projekte: Basteln, Falten und Werken fördern Planung und Feinmotorik
- Gespräche über Gefühle: Helfe dem Kind, Emotionen zu benennen und zu regulieren. „Ah ich merke, du bist gerade traurig"...
- Verantwortung übernehmen im Alltag (altersentsprechend): Sich um ein Haustier kümmern, Dienste im Haushalt übernehmen (am besten selbstständig ohne Erinnerung), dabei lernt es vorausschauendes Denken, Planen, Handeln, Empathie für ein Tier zu entwickeln, Verantwortungsgefühl
- Fehlermachen lassen: Ein für mich ganz wichtiger Punkt, dem Kind Dinge zutrauen, Fehlermachen lassen- nicht alle Steine aus dem Weg räumen. Beispiel: Das Kind darf und braucht es, dass es natürliche Konsequenzen seiner Handlungen spürt (natürlich dann eingreifen, wenn Gefahr im Verzug ist). Beispiel: Kind auch mal ohne Hausübung in die Schule gehen lassen, wenn es am Vortag so lange getrödelt hat). Im Leben geht es ja immer darum, dass meine Handlung eine Auswirkung hat. Und da dürfen auch Kinder unterstützt werden, dies zu lernen. Wenn ich aber alles vorwegnehme, was wird es dann lernen? Nichts. Außer, dass Mama und Papa das schon richten.
- Belohnungsaufschub: Ich beobachte rundherum, dass heutzutage mit einem „Klick" alles möglich ist. Ich möchte ein neues Buch? Amazon liefert es am nächsten Tag. Ich nehme mich da nicht aus. Aber sich auf etwas hinfreuen, und Disziplin üben, brauchen die Kinder ganz ganz dringend.
- Bei Schwierigkeiten nicht aufgeben: Dranbleiben, kleine Schritte machen und Dinge zu Ende bringen. Das ist eine ganz alltagspraktische Fähigkeit fürs spätere Leben.
- Prioritäten setzen: Erkennen, was ist jetzt wichtiger? Was gehört zuerst gemacht? Was ist notwendig? Was ist nicht dringend?
- Impulse kontrollieren: Ein Arzt kann die OP auch nicht plötzlich unterbrechen, weil er jetzt Lust auf ein Cola hat ;-). Damit will ich sagen, wir müssen alle immer wieder unsere Impulse hemmen und steuern, bzw. aufschieben.
Der Große Schulstarthelfer: Exekutive Funktionen spielerisch fördern
In meinem "Großen Schulstarthelfer" findest du zahlreiche Betätigungen aus dem Schulalltag, mit denen Kinder in der Schule konfrontiert werden. Von selbstständigen Toilettengängen bis zum Einordnen und Lochen von Arbeitsblättern. Nicht alle Fähigkeiten werden direkt ab der ersten Klasse benötigt, aber eine gute Vorbereitung erspart später viel Frustration.
"Normal" entwickelte Kinder beherrschen diese Tätigkeiten großteils, wenn sie in ihrem Umfeld die Gelegenheit zum Üben hatten. Für Kinder mit Entwicklungsverzögerungen, besonderen Förderbedarfen oder solche, die noch nicht ganz schulreif sind, funktionieren diese Dinge jedoch nicht automatisch. Hier ist gezieltes Vorbereiten sehr wichtig.
Manchmal stellen schon einfache Dinge eine Herausforderung dar: selbstständige Toilettengänge oder die richtige Sitzposition am Tisch. Ich beobachte z.B.: so oft, dass sich viele Kinder schief oder zu weit vom Tisch entfernt hinsetzen, was eine aufrechte Haltung beim Schreiben erschwert.
Wenn du gerne selbst Materialien vorbereitest, schneidest und laminierst, ist mein "Schulstarthelfer" genau das Richtige für dich!
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