Heute ein neuer Blogpost was mir schon seit langer Zeit unter den Fingernägeln brennt, ist das Thema mit den digitalen Medien. Auch du wirst wohl nicht an diesem Thema vorbeikommen, nehme ich an. Wir spüren es ja tagtäglich in der Selbsterfahrung, wenn wir mal wieder zu lange "Doomscrolling" praktiziert haben oder auf der Straße bei anderen beobachten, wie sie mit ihrem Smartphone verschmelzend den Zebrastreifen überqueren.
Als Ergotherapeutin, Kindergartenpädagogin, Yogalehrerin und auch einfach als Christina habe ich nicht nur eine Meinung dazu, sondern auch fachliche Einsichten und Erfahrungen aus dem, was ich in meinem persönlichen Umfeld so beobachte und wahrnehme.
Letztens erst hat mir eine Bekannte erzählt, ihr Sohn sei mit 13 handysüchtig. Leider hat das negative Auswirkungen auf seine Schulleistungen. Das ist natürlich kein Einzelschicksal.
Wenn ich lese, dass Kinder im Kindergarten bereits digitale Kompetenz benötigen und dass das sogar im Bildungsrahmenplan in Österreich verankert ist, dann frage ich mich: Wer macht diese Pläne? Sind hier wirklich Fachexperten am Werk?
"Informations- und Kommunikationstechnologien (digitale Medien) bestimmen den Alltag von Erwachsenen und Kindern und sind zu einem wichtigen Mittel gesellschaftlicher Partizipation geworden. Eine zeitgemäße elementare Bildung umfasst daher auch die Förderung kindlicher Medienkompetenz. Diese befähigt Kinder, unterschiedliche Medien zunehmend selbstgesteuert und kritisch zu nutzen. Die kreative Gestaltung von Medien sowie mit Medien ermöglicht es darüber hinaus, sich auszudrücken und eigene Produkte zu schaffen."
Auf Seite 20 kannst du den Absatz nachlesen: https://ergo-life.at/wp-content/uploads/media/200710_Elementarpaedagogik_Publikation_A4_WEB-2.pdf
Ein Kindergartenkind soll allen Ernstes unterschiedliche Medien selbstgesteuert und kritisch nutzen lernen? Was bedeutet die Aussage... "... kreative Gestaltung....eigene Produkte schaffen"? Sollen Kinder im Kindergarten lernen, wie sie Bilder und Videos erstellen? Lest euch dieses Zitat aus dem Bildungsrahmenplan wirklich genau durch.
Das ist nicht Medienkompetenz, sondern der Versuch, Bildschirmzeit im Kindergarten schönzureden. Der Absatz ist so verwässert ausgedrückt, womöglich absichtlich, damit jeder hineininterpretieren kann was er will, weil im Grunde überhaupt kein fachliches Know How über das didaktische Vorgehen einer digitalen Medienkompetenz in Kindergärten vorhanden ist. Die Kinder werden Tablets ausgesetzt, noch bevor das Gehirn dazu reif ist. Das Ganze ist fahrlässig, weil es die kognitive Entwicklung und die negativen Auswirkungen von Screen Time von Kindern komplett ignoriert. Und weil der Interpretationsspielraum so riesig ist, dass er verantwortungsloses Handeln geradezu einlädt. Heißt Medienkompetenz, dass das Kind lernt, Apps zu bedienen? Zwischen manipulativer Werbung und Lerninhalten zu unterscheiden? Da fehlen mir eigentlich die Worte. Ich frage mich, welche "Bildungsexpert*innen" auf so eine Idee kommen.
Manfred Spitzer, der Hirnforscher, hat in einem Interview gesagt: Die Forderung nach früher Medienkompetenz hält er für "Quatsch" und ein vorgeschobenes Argument, vergleichbar mit der Forderung nach Alkoholkonsum, um den Umgang damit zu lernen.
Die genauen Worte kannst du hier nachlesen: https://www.t-online.de/leben/aktuelles/id_59917854/verbloedung-durch-digitale-medien-manfred-spitzer-im-interview.html
Natürlich wird Manfred Spitzer auch kritisiert, dass er zum Beispiel "aus der Zeit falle". Naja, ehrlich gesagt, würde ich lieber aus der Zeit fallen, Kinder haben, die aus der Zeit fallen, als Kinder großzuziehen, die mit 10 eine Handysucht entwickelt haben, in WhatsApp Gruppen sind und sich gegenseitig mobben oder gemobbt werden und feinmotorisch so ungeschickt sind, dass sie als späterer Erwachsener keinen Nagel an die Wand schlagen können. Geschweige denn, keine sozial- und kommunikativen Fähigkeiten besitzen. Weil das Handy sie ständig in den Bann zieht. Wie siehst du das?
Edurino & Co: Lern-Apps, die mehr schaden als nützen
Was mir massiv aufstößt, ist auch die Tatsache, dass häufig im pädagogischen Bereich Lern-Apps wie Edurino für die Kinder angeboten wird unter dem Credo, dass ein vierjähriges Kind digitale Medienkompetenz benötigt bzw. zur Schulvorbereitung.
"Sie sollen die digitalen Gestalter von morgen werden." Genau das ist der Satz von einer der Begründerin, welche du im Youtube Video ansehen kannst. Genau, unbedingt sollen sie das bereits mit 4 Jahren werden. Das ist die wichtigste Kompetenz, die ein Kind für das spätere Leben benötigt. Auch eine Ergotherapie-Influencerin bewirbt das Produkt mit Rabattcodes.
https://www.youtube.com/watch?v=N_7ZduguCDo
Dabei gibt es Studien, die zeigen, dass durch das Schreiben auf digitalen glatten Flächen (bei Edurino gibt es einen Stift) nachweislich ein schlechteres sensorisches Feedback als bei Papier zustande kommt. Ein Kind lernt zunächst über das taktile Empfinden. Es gibt tausend Möglichkeiten, um die Motivation für den Stift zu fördern. Kinder, im Alter von etwa 7–8 Jahren benötigen vorwiegend sensorisches Feedback, um ihre Handschriftbewegungen Schritt für Schritt zu steuern. Dies nennt sich retroaktive Kontrolle. Und ja, es gibt Kinder, die womöglich nie in der Lage sein werden, mit Stift zu schreiben. Ja, die müssen sich über eine Tastatur oder andere unterstützende Medien ausdrücken können. Aber das ist ein anderes Thema. Da ist die Weiterentwicklung im digitalen Bereich Gold wert. Aber dies ist nicht das Problem dass wir jetzt in unserer Gesellschaft beobachten.
"Die Entwicklung der Schreibfähigkeit ist jedoch ein langer und komplexer Prozess, der die Koordination kognitiver, motorischer, perzeptueller, aufmerksamkeitsbezogener und sprachlicher Fähigkeiten erfordert." (Jolly, Palluel-Germain & Gentaz, 2013)
Quelle: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30219272/
Kinder, die schreiben lernen, benötigen die sensorischen Informationen, um Bewegungssteuerung zu lernen. Und dann drücken wir ihnen Edurino in die Hand? Ernsthaft?
Es gibt weiters Studien, die zeigen, dass Medien zu Störungen der Feinmotorik führen – und es nicht umgekehrt ist, dass Kinder, die an Schwierigkeiten der Handgeschicklichkeit leiden, mehr zu Medien greifen, also Tablet und Handy.
Edurino fördert zudem genauso auch die Medienzeit. Es ist Teil der Medienzeit. Auch wenn Edurino hübsch verpackt als LernApp ist, bleibt es digital. Viele springen auf den Zug, ohne zu kritisch hinterfragen. Auch wenn es vermeintliche Fachexperten sagen, ist das nicht immer richtig. Und auch wenn das Kind ein Lernspiel am Smartphone spielt, ist das Ausmaß nicht leicht zu kontrollieren, was es wirklich macht. Es ploppt eine WhatsApp rein- zack ist die Aufmerksamkeit weg.
Was machen die nordischen Länder wie Schweden und Co.? Genau, die bereuen es mittlerweile, flächendeckend Laptops und Tablets eingesetzt zu haben. Die sind wieder zurückgekehrt zu Bleistift und Büchern.
Ich höre ganz oft das Argument von Eltern, wenn ihr 10-jähriges Kind zum Übertritt in die nächste Schule ein Smartphone bekommt: "Naja, wenn es den Bus versäumt oder irgendwas ist, dann ist es halt schon wichtig."
Ok, aber dann genügt doch ein altes Tastenhandy auch, oder nicht? Weil damit kann es genauso gut telefonieren und von mir aus SMS schreiben wie mit einem Smartphone.
Vor einiger Zeit habe ich in einem Podcast eine Frau gehört, die als Smartphone-Coach arbeitet, und die hat genau das vorgeschlagen: Wenn notwendig, dann ein Tastenhandy. Wozu ein Smartphone? Hier kannst du übrigens das gesamte Podcast Interview dazu anhören.https://podcasts.apple.com/de/podcast/293-smartphone-coach-andrea-buhl-wie-digital-detox/id1467156236?i=1000710961831
Glauben wir ernsthaft, dass 10-jährige Kinder in WhatsApp-Gruppen sich im Griff haben und vernünftig kommunizieren – wenn wir Erwachsenen das selbst nicht schaffen?
Wie sollen wir einem Kind Mediennutzung vorbildhaft zeigen, wenn wir selbst kaum Strategien finden im Umgang mit unserem Smartphone. Wenn uns selbst oft die Selbstdisziplin fehlt. Wenn wir das nicht können, was fordern wir aber von Kindern ein?
Ich wähle als Ergotherapeutin lieber Papier, Stift, Kleber und Co. Denn ich möchte dem Kind Zeit ermöglichen, wo es endlich mal nicht am Bildschirm ist. Und für bestimmte Kinder wähle ich unterstützende Medien, aber das ist ein Nischenthema und ganz speziell für Kinder mit besonderen Bedürfnissen.
Denn jede gewonnene Zeit ohne digitale Medien ist nicht nur gewonnene Lebenszeit, sondern die Möglichkeit, das Gehirn auf altersgerechte Form reifen zu lassen. Ohne es zu zerstören und Zombies zu fördern.
Damit Kinder digitale Kompetenz erlernen, bräuchten sie Impulskontrolle, sie bräuchten kritisches Denken, sie bräuchten echte Selbstregulation, sie bräuchten soziale Kompetenz. Mir ist wirklich neu, dass ein unausgereiftes kindliches Gehirn das mit 5 Jahren oder 10 Jahren vollständig kann. Wir wissen, dass die Impulskontrolle oder die Selbstregulation gerade in der Pubertät nicht immer unbedingt vorhanden ist.
Kinder benötigen konkrete Erfahrungen mit konkreten Gegenständen, sie müssen sensomotorisch lernen können durch Fühlen und Bewegen. Sie sollten spielen – Rollenspiele, Fantasiespiel – und sie brauchen ganz viel Wiederholung, um motorische Abläufe zu erlernen.
Ich gehe sogar so weit, dass es nicht mal notwendig wäre, digitale Medien als Ergänzung zu nutzen. Wozu? Einem Alkoholiker, Drogenabhängigen gesteht man von Zeit zu Zeit auch nicht ein bisschen Drogen oder ein bisschen Alkohol zu. Irgendwann kommt der Moment wo es höchstwahrscheinlich sehr schwierig sein wird, Handy und Tablet fernzuhalten. Aber dieser Moment sollte so spät wie möglich sein und nicht mit unter 10, unter 5. Ich persönlich finde es auch kritisch dass ein Kind mit unter 14 ein Smartphone bekommt. Denn es ist EIN GERÄT FÜR ERWACHSENE!
Vielleicht möchtest du es nicht wahrhaben, aber das Handy wurde für Erwachsene konzipiert. Es ist KEIN Gerät, welches für Kinder entwickelt wurde. Man kann das Ganze mit dem Bau eines Hauses vergleichen. Wir bauen auch nicht zuerst das Dach und am Ende den Keller unseres Hauses. Die meisten von uns Erwachsene haben eine Basis, einen Keller und trotzdem fällt es uns so schwer, einen gesunden Umgang mit dem Smartphone und den Sozialen Medien zu finden. Wie muss es dann für ein heranreifendes Gehirn sein, welches noch mitten in seiner Entwicklung steckt?
Wenn ein Kind keine Basis erlernt hat, wie soll es dann ein Handy oder Tablet nützen können, wo es zudem in der wichtigen Entwicklung seiner Persönlichkeit steckt? Und eines sollten sich Eltern klar sein: Sobald sie ihrem Kind ein Smartphone in die Hand drücken, beginnt die eigentlich SCHWERSTARBEIT.
Die Kontrolle. Die Diskussionen. Die ständige Überwachung der Inhalte. Sie sind in der Sorgfaltspflicht. Denn es ist IHRE VERANTWORTUNG, dass sie wissen was ihr Kind am Handy macht und welche Inhalte es konsumiert. Und nicht zu vergessen, der Kinderschutz. Sobald das Kind ein Smartphone in den Händen hat, heißt es, Filter einrichten, Apps kontrollieren, Jugendschutzeinstellungen pflegen etc. Und sich auch genauer mit Youtube Kids zu beschäftigen. Ist das wirklich alles so "kidsmäßig"? Ich persönlich finde das nicht.
Du bist in der Verantwortung, dass dein Kind keine Kinderpornografie, Gewalt oder sonstige schädliche Inhalte konsumiert. Viele Sperren können übrigens Kinder mittlerweile umgehen.
Option 1: Gegen den Strom schwimmen. Nicht jedem Hype hinterher jagen. Dem Kind so spät wie möglich ein Smartphone in die Hand drücken. Diskussionen führen, Streitereien aushalten, konstruktive Gespräche führen und dem Kind erklären, warum es mit 10 noch kein Smartphone braucht.
Option 2: Nachgeben. Und dann täglich gegen die Konsequenzen ankämpfen. Sich dieser Bürde der Sorgfaltspflicht stellen. Kämpfe ausfechten, weil das Kind das Handy nicht ausschalten will. Bildschirmzeit kontrollieren. Inhalte überwachen. Ohne Ende.
Als ich vor einiger Zeit um 7:00 Uhr früh mit dem Schülerbus fuhr, war es fast mucksmäuschenstill. Ich fuhr von Ramsau am Dachstein nach Schladming. Lediglich das Tippen oder Piepsen der Handys konnte ich hören. Keine Gespräche, kein Lachen, nicht mal Streitereien. Als ich als Kind/Jugendliche mit dem Bus fuhr, blieben die Busfahrer regelmäßig stehen und drehten fast durch, wenn es mal wieder zu turbulent im Bus wurde.
Bleib wachsam. Hinterfrage, wenn Kindergärten oder Grundschulen plötzlich Tablets einführen. Sei skeptisch, wenn dir Lern-Apps als "pädagogisch wertvoll" verkauft werden. Wozu benötigt ein 5 Jähriges Kind zur Schulvorbereitung digitale Lernspiele?
Ein vielfach gehörtes Argument ist, dass besonders schwer zu motivierende Kinder Edurino mögen. Ganz klar warum, weil jeder "Click" Dopamin freisetzt, weil Levels freizuspielen sind und Edurino wie vieles andere nur so von bunten Farben strahlt. Die wissen schon, wie sie das machen müssen, damit dieses Lernspiel genützt wird.
Das Ausmaß, was den Medienkonsum betrifft, werden wir wohl erst so richtig nach und nach begreifen und erkennen. Zum sehr großen Teil ist es schon ersichtlich. Konzentrationsstörungen, Sprachentwicklungsstörungen, übersteigerte Wutanfälle beim Beenden von Screen Zeit, Bewegungsarmut oder Haltungsschäden, Suchtverhalten, Werteverlust, Zunahme am sogenannten Digitalen Autismus, uvm. Aber ich denke, was es wirklich langfristig mit den Gehirnen von Kindern macht, zeigt die Zeit.
Und dann wird es zu spät sein. Wenn du jetzt gerade ein Baby bekommen hast oder ein Kleinkind hast, nütze die Zeit sinnvoll und stelle dich gegen andere Mamas die ihrem Kleinkind ein Handy in die Hand drücken. Und verwende es selbst so wenig wie möglich in Anwesenheit deines Babys/Kindes. Ich bin mir sicher, du brauchst keine Handyhalterung am Kinderwagen. Der Anruf kann warten. Es geht nicht um Leben und Tod wenn du die WhatsApp später beantwortest. Genieße die Stille, atme die frische Luft ein, sammle dich wenn das Kind schläft und wenn es munter ist - REDE und LACHE mit dem Kind statt in dein Handy zu schauen. Ja, es wird hart sein, wenn man nicht mitmacht, aber dein Kind wird sich dank dir gesund entwickeln können!
Deshalb entscheide ich JETZT: Lieber aus der Zeit fallen, als meine Kinder in eine Smartphone-Sucht fallen lassen. Lieber altmodisch sein, als eine Generation feinmotorisch ungeschickter, konzentrationsschwacher Bildschirm-Zombies zu produzieren. Jede Minute, die dein Kleinkind/Kind NICHT am Handy oder Tablet verbringt oder bei dir sieht, ist eine Investition in die Zukunft. Diese Basis zahlt sich später aus – versprochen.
Bist du bereit? Dein Kind stark zu machen, sodass es kein Smartphone mit 10 braucht obwohl es die anderen haben? Ich wähle Papier, Stift und echte Erfahrungen. Ich wähle spielende Kinder statt wischende Finger. Ich wähle laute Schulbusse statt erschreckende Stille.