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19. Juni 2025

Kinder belohnen? Ja oder Nein? Das Tokensystem näher beleuchtet

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Heute möchte ich über das Tokensystem schreiben. Das Tokensystem kommt aus der Verhaltenstherapie.  Es wird auch Verstärker- oder Münzsystem genannt und besonders in der Kinder- und Jugendtherapie eingesetzt wird. Gerade bei Kindern mit oppositionellem Verhalten, wie es u.a. bei AD(H)S auftreten kann, werden Token Systeme erfolgreich eingesetzt. Unter oppositionellem Verhalten wird verstanden: Ein sich wiederholendes und andauerndes Muster eines negativen, trotzigen oder sogar feindseligen Verhaltens gegenüber Autoritätspersonen. vgl. MSD Manual

Tokensysteme als "Krücke"

Tokensysteme stellen für mich eine Krücke dar, wie wenn sich jemand die Hüfte bricht und vorübergehend eine Krücke zur Stütze benötigt. Tokensysteme können hier so eine Krücke darstellen (bei korrektem Einsatz). Wenn ein Kind etwas nicht kann, sei es eine Alltagshandlung oder ein Verhalten zeigt, welches störend ist, kann ein Belohnungssystem helfen, dass das Kind diese innere Stärke entwickelt bis ein neues Verhalten/Ziel von sich aus gefestigt ist.

Wie ein Flugzeug beim Start die größte Kraft zum Abheben braucht und dann mit weniger Energie durch die Lüfte gleitet, so verhält es sich auch mit dem Lernen neuer Fähigkeiten. Die ersten Schritte sind oft mühsam und kraftraubend. Damit wir trotz aller Widerstände dranbleiben, brauchen wir manchmal kleine Starthilfen oder Tricks. Für ein Kind kann ein Tokensystem genau das sein – ein Motivator, der die nötige Hilfe/Krücke bietet, damit ein neues Verhalten stabilisiert wird.

Wie funktioniert so ein Tokensystem?

  • Ein erwünschtes Verhalten wird mit Token (Münzen, Punkte, Sticker, Stempel, Magnete etc.) belohnt
  • Diese Token können später gegen „echte“ Belohnungen eingetauscht werden. 

Empfohlen als Belohnung werden:

  • Für Lehrer: z.B. HÜ Gutschein, ein Spiel im Turnunterricht wünschen uvm.
  • Generell werden empfohlen: Gemeinsame Aktivitäten, Erlassen von Pflichten, Erweiterung des Handlungsspielraum und  Materielles in Maßen.

Die Ziele von einem Tokensystem sind, dass sie die Motivation für ein erwünschtes Verhalten fördern. Meist ist es ja so, dass wir als Erwachsene vom Kind etwas erwarten: Dass es die Hausübung macht ohne Diskussion, dass es im Unterricht aufzeigt und wartet bis es dran kommt, dass das Kind sich an die ausgemachte Medienzeit hält uvm.

Wenn Kinder Verhaltensschwierigkeiten haben, sind Forderungen von Erwachsenen immer wieder Anlass für Diskussion und Streit. Gerade Kinder mit ADHS haben Schwierigkeiten mit Fremdbestimmungen und der intrinsischen Motivation. Also von sich aus etwas zu tun oder zu unterlassen. Sie sind stark an externe Reize und Belohnungen orientiert.

Kritik am Tokensystem

ADHS: Studien zeigen moderate bis hohe Effektstärken für Verhaltensmodifikation durch Token-Systeme. Gleichzeitig gibt es Vorbehalte und kritische Stimmen gegenüber Belohnungssysteme. Welche das genau sind, schauen wir uns jetzt an.

  • Eine starke und laute Kritik am Belohnungsystem ist, dass dies die intrinsische Motivation hemmen soll. Es könnte passieren, dass Kinder dann für alles und jenes eine Belohnung wollen. Das wäre natürlich nicht förderlich. Daher ist immer genau abzuwägen, wann Token sinnvoll sind und vor allem, für welche Kinder. Man weiß, gerade Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten sind stark von extrinischer Motivation geleitet, daher gilt es unbedingt, weiterhin parallel die intrinsische Motivation zu fördern.
  • Overjustification-Effekt:
    Das bedeutet, wenn du jemandem Belohnungen (Geld, Lob, Preise) für etwas gibst, was er eigentlich ohnehin gerne macht, kann das die intrinsische Motivation verringern. In Studien hat man herausgefunden, dass Kinder, welche einer kreativen, spaßigen Tätigkeit nachgingen (Malen, Spielen, Lesen) und eine materielle Belohnung dafür erhielten, einen starken Overjustification - Effekt zeigten. Beim Token System hingegen, werden Handlungen/Verhaltensweisen belohnt, welche dem Kind schwer fallen oder nicht gerne ausgeführt werden.

Realität bei verhaltensauffälligen Kindern:

Kritische Stimmen gegenüber dem Tokensystem sollten natürlich gehört werden und das Tokensystem bewusst und achtsam eingesetzt werden. Die Realität in der Praxis oder im Alltag sieht halt oft völlig anders aus, als sie vielleicht von Vertretern der bedürfnisorientierten Pädagogik gesehen wird. Denn hier haben wir es meist mit völlig "normalen" Kindern zu tun. Bzw. wird von gesund entwickelten Kindern ausgegangen. Meist haben diese Vertreter*innen keinen therapeutischen Hintergrund und somit wenig Erfahrung mit ADHS und Co.

Bei ADHS, Autismus, Traumata funktioniert "nur reden" oft einfach nicht. Diese Kinder brauchen klare Strukturen und sofortige Rückmeldung. Wenn ein Kind andere schlägt oder sich selbst verletzt, brauchst du JETZT eine Lösung, nicht philosophische Diskussionen. Token-Systeme sind oft der Rettungsanker für Familien oder Pädagogen am Limit - und das ist völlig ok in meinen Augen, sofern auch Bedürfnisse der Kinder hinterfragt werden, man sich bemüht gewaltfrei zu kommunizieren (ohne Perfektion - wir sind alle Menschen) und versucht, den Prozess der Weiterentwicklung des Kindes lobt, sehr spezifisch Dinge hervorhebt und nicht das Ergebnis. Als Beispiel: "Du hast dich heute bei der HÜ sehr bemüht, durchzuhalten."

Der "Abnützungseffekt" - Ein zu viel an belohnen 

Was ich in der Praxis sehr häufig beobachtet habe ist, dass gerade Kinder mit Verhaltensschwierigkeiten für vieles in ihrem Alltag von den Eltern belohnt werden. Oft habe ich gehört "Wenn du brav in der Therapie bist, bekommst du dann xy".  Ich denke also, dass ein großes Problem mit dem Belohnen darin besteht, dass eine Belohnung heute oft keinen "Wert" mehr hat. Es ist manchmal nichts Besonderes mehr, wenn sich ein Kind auf etwas hinfreut, wie auf einen Kinobesuch als Tokeneinsatz. Teilweise wird Kindern heute überdimensional viel während des normalen Alltags oder am Wochenende geboten, dass es schlichtweg zu viel ist. Der Vergnügungspark hier, der mega Ausflug da... Viele Eltern möchten dem Kind was bieten, was sie selbst nicht hatten und das ufert oft aus. Dabei hätte es mehr Wert, auch mal gemeinsame Zeit Zuhause zu verbringen. Aber das halten leider viele Erwachsene selbst nicht aus. Naja und dann wirkt ein Punkteplan nicht und viele bleiben nicht dran.

Wenn also ein Kind zwischendurch - auch wenn sich die Eltern über das nicht bewusst sind - belohnt werden, verliert ein zusätzliches Belohnungssystem natürlich seinen Reiz. Manchmal sind auch so kleine Erpressungen im Spiel. Ich kann das allerdings durchaus nachvollziehen, wenn die Nerven strapaziert sind... Das will ich damit überhaupt nicht vermitteln. Wir sind einfach menschlich. Aber ich glaube schon, dass wir unser Verhalten als Erwachsene reflektieren dürfen. Denn, wenn ein Kind bereits viel Materielles bekommt,  zusätzliche Medienzeit, oder dem Kind jedes Wochenende extreme Ausflüge geboten werden, dann hat ein Tokensystem wenig Anreiz und Wirkung - wo es aber große Wirkung zeigen könnte.

Du bist nicht für die Motivation deines Kindes verantwortlich

Ich persönlich nehme sehr viel Druck von Bezugspersonen war, welche mit Kindern arbeiten oder leben, dass sie der Ansicht sind, sie sind für die Entstehung der Motivation im Kind verantwortlich. Und da muss ich sagen, NEIN, es liegt nicht in unserer Fähigkeit, dass im Kind Motivation entsteht. Wir können Dinge anbieten von dem wir meinen, sie sind interessant oder motivierend und wir können ein Umfeld schaffen, welches motiviert. Doch ob im Kind letztendlich Motivation entsteht, können wir nicht beeinflussen. Wir haben darüber keine Kontrolle. Denn das liegt an den Bedürfnissen und Zielen vom Kind. Man kann niemanden motivieren, der sich nicht motivieren lässt.

Intrinsische Motivation bei sich selbst hinterfragen! Motivation von innen heraus:

Ich persönlich finde ja, dass wir uns selbst und Kindern einem großen Druck aussetzen, wenn wir denken, dass wir oder Kinder immer intrinsisch handeln müssen. Denn, auch Erwachsene handeln keineswegs immer intrinsisch motiviert:

  • Viele Alltagshandlungen sind durch externe Faktoren motiviert:
  • Berufliche Tätigkeiten werden oft (auch) wegen der Bezahlung ausgeführt und nicht, weil das Aufstehen um 6 Uhr morgens immer so lustvoll ist!
  • Haushaltsaufgaben werden erledigt, um negative Konsequenzen zu vermeiden, nicht weil wir pure und tiefgehende Freude daran finden, die aus uns entspringt... 😅
  • Sport/Bewegung wird teils aus gesundheitlichen Gründen betrieben und nicht immer aus innerer Freude heraus.
  • Soziale Verpflichtungen werden oft aus Verantwortungsgefühl wahrgenommen.
  • Die Vorstellung, dass alles intrinsisch motiviert sein muss, ist daher in meinen Augen ideologisch und unrealistisch.
  • Sie verkennt die Realität menschlichen Handelns, die oft in Abhängigkeit oder Wechselwirkung mit äußeren Faktoren stehen.
  • Sie kann unnötigen Druck auf Kinder und Pädagogen ausüben
  • Sie übersieht den Wert gemischter Motivationslagen. Wie oft erleben wir bei uns selbst einen inneren Schweinehund, den wir überwinden und uns danach selbst belohnen oder merken, "das war jetzt doch gut dass ich gemacht habe"?

Ein gesünderer Ansatz wäre für mich:

  • Akzeptanz verschiedener Motivationsquellen
  • Balance zwischen extrinsischer und intrinsischer Motivation
  • Situations- und entwicklungsangemessene Motivationsförderung
  • Realistische Erwartungen an die Motivation von Kindern
  • Was bei Kindern wichtig ist: Sie sollten lernen, auch bei vorrangig extrinsischer Motivation qualitativ gut zu arbeiten und dabei möglicherweise sekundäre intrinsische Befriedigung zu finden (z.B. Stolz auf die eigene Leistung sein, wenn ich dran geblieben bin).

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