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14. März 2025

Schulfrust - Zwischen steigenden Anforderungen und sinkenden Alltagskompetenzen

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Wie können wir Kinder optimal auf den Schulalltag vorbereiten? Benötigt es rein intellektuelle Fähigkeiten oder sind bestimmte Betätigungen ebenso wichtig? Auf das und mehr werde ich hier eingehen. 

Die Herausforderung des modernen Schulalltags

Wird unser Schulsystem immer komplexer oder nehmen die grundlegenden Fertigkeiten unserer Kinder ab? Diese Frage begegnete mir als Ergotherapeutin regelmäßig, als ich noch vermehrt mit Schulkindern gearbeitet habe.

Nach meiner Beobachtung ist es eine Kombination aus beidem: Einerseits werden die Anforderungen und Abläufe in der Volksschule zunehmend komplexer, andererseits scheinen bestimmte Alltagsfertigkeiten bei Kindern weniger selbstverständlich zu sein als früher.

Früher vs. heute: Was hat sich im Schulalltag verändert?

Wenn ich an meine eigene Volksschulzeit zurückdenke, waren die Schulutensilien überschaubar: Deutsch- und Mathematikhefte (Hausübungs- und Schulübungshefte), ein Sachunterrichtsheft, ein Religionsheft, ein Merkwörterheft, ein Ansagenheft, ein Block, eine Flügelmappe sowie die dazugehörigen Schulbücher. Alles war farblich einfach geordnet – rot für Deutsch, blau für Mathematik. Oder umgekehrt, so genau weiß ich es nicht mehr. Und es war aus meinem Empfinden heraus überschaubar was wir als Hausaufgabe auf hatten. Zu erwähnen ist, dass ich übrigens keine 1er Schülerin in der Volksschule war. In der vierten Klasse Volksschule hatte ich im ersten Semester eine 3 in Deutsch.  Ich musste mir viel erlernen.

Heute beobachte ich ein deutlich komplexeres System:

  • Unterschiedliche Aufbewahrungsorte für verschiedene Materialien
  • Spezifische Regelungen je nach Lehrer (was ins Bankfach kommt, was in der Schule bleibt, was kommt in eine Ablage hinein, was ins Regal etc. )
  • Teilweise Wochenpläne bereits ab der ersten Klasse
  • Anforderungen an Organisation und Struktur, die früher erst in höheren Klassen relevant waren
  • Hausübungen, wo alleine die vielen unterschiedliche Post It’s an den Seiten zu Verwirrung führen. Ein typisches Beispiel: Das Kind kommt nach Hause, öffnet sein Schulheft und findet: Ein gelbes Post-it auf Seite 15 ("Aufgabe 3-5 bis Mittwoch"), ein grünes auf Seite 28 ("Lies diesen Text bis morgen"), ein blaues im Mathebuch auf Seite 42 ("Nur die Sternchenaufgaben") uvm.

Anmerkung: Ich weiß, Vorsicht mit Verallgemeinerungen ;-), natürlich ist das Ganze sehr unterschiedlich und doch ist diese Komplexität an Abläufen und Informationen im Gegensatz zu früher wohl nicht abzustreiten.

Welche grundlegenden Fertigkeiten sind für die Schule und das spätere Leben extrem bedeutsam?

Auch hier bin ich mit meiner Wahrnehmung wahrscheinlich nicht alleine, wenn ich schreibe, dass folgende Kompetenzen häufig fehlen...

  • Konzentrationsvermögen für altersgerechte Zeiträume
  • Hand- und Fingergeschicklichkeit (Feinmotorik)
  • Durchhaltevermögen bei herausfordernden Aufgaben
  • Selbstorganisation und Ordnungsfähigkeit
  • Verantwortungsbereitschaft für eigene Materialien und Aufgaben
  • Sozialkompetenzen wie Zuhören und angemessene Impulskontrolle

Die Ursachen: Warum "fehlen" diese Fähigkeiten?

Die Gründe für diese Entwicklung sind zu vielschichtig, daher ein paar grobe Ideen von mir:

  • Medienkonsum: Übermäßige Nutzung von Handy, Tablet und anderen Bildschirmmedien
  • Zeitdruck im Familienalltag: Weniger Zeit für grundlegende Übungen und gemeinsame Aktivitäten
  • Überbehütung: Zu viele Aufgaben werden Kindern abgenommen
  • Fehlende Alltagsverantwortlichkeiten im häuslichen Umfeld
  • Veränderte Schwerpunkte in der vorschulischen Bildung
  • Wenig Zeit und Achtsamkeit für ein offenes Ohr für die Anliegen des Kindes
  • Globale Gesamtveränderung...

In Kindergärten hat sich der Fokus teilweise von klassischen Papier-Bleistift-Übungen und feinmotorischen Aktivitäten zu freieren Formen der Schulvorbereitung verschoben. Was früher zu viel war, ist jetzt vielleicht zu wenig...Glücklicherweise beobachte ich langsam eine Rückkehr zu einem ausgewogenen Mittelweg.

Intelligenz allein reicht nicht: Die Bedeutung praktischer Fertigkeiten

Der höchste Intelligenzquotient kann sich nicht gut entfalten, wenn grundlegende praktische und sozial-emotionale Kompetenzen fehlen, wie:

  • Selbstorganisation
  • Verantwortungsbewusstsein
  • Konzentrationsfähigkeit
  • Zuhören können
  • Emotionsregulation
  • Umgang mit Frustration
  • Belohnungsaufschub- Selbstdisziplin

Der große Schulstarthelfer

In folgenden Blogartikel kannst du übrigens über die sogenannten Exekutiven Funktionen nachlesen, denn genau diese sind für ein gelingendes Alltagsleben äußerst relevant!

Was haben die exekutiven Funktionen mit Aufmerksamkeit und Sozialverhalten zu tun?

Was sind Exekutive Funktionen und warum sind sie so wichtig?

Dazu passt der nächste Punkt ganz gut, den ich aufgreifen möchte, das Thema mit den Wochenplänen...

Was Wochenpläne mit der Hirnreife zu tun haben

Ich habe Kinder in der Therapie erlebt, die bereits ab der ersten Klasse welche hatten. Ist das Kind leistungsschwach und leidet es an AD(H)S, sind sie natürlich damit extrem überfordert.

Es hängt wahrscheinlich auch von der Einführung ab, wie genau die Pläne eingesetzt werden etc. Aber aus entwicklungspsychologischer Sicht weiß man, dass Kinder erst gegen Ende der Grundschulzeit die kognitiven und selbstregulativen Fähigkeiten für eigenständiges Arbeiten mit Wochenplänen haben. Frühere Einsätze können je nach Kind natürlich durchaus möglich sein, sollten aber stark angepasst und begleitet werden, um die Kinder nicht zu überfordern. Und das beobachte ich jetzt nicht unbedingt. Wie soll denn eine individuelle Begleitung bei mehr als 20 Kinder in der Klasse funktionieren?

Wie überall, gibt es natürlich Unterschiede in der Entwicklung, großteils ist die Hirnreife aber erst durchschnittlich mit 25 Jahren abgeschlossen. Der Sitz dieser Fähigkeiten die für Wochenpläne notwendig sind (exekutive Funktionen) sitzen im präfontalen Cortex, welcher sich ab der Geburt mit entsprechender Begleitung/Erziehung entwickelt. Teilweise ist die Hirnreife wie gesagt, erst mit 25 Jahren abgeschlossen. Da stelle ich mir die Frage, ist es wirklich notwendig, wenn wir 6 jährige Erstklässler bereits mit Wochenplänen konfrontieren?

Nach Piaget sind 6- 7 Jährige Kinder in der sogenannten Präoperationalen Phase, wo das Zeitverständnis noch sehr stark eingeschränkt ist. Viele können tagesaktuelle Aufgaben überschauen, aber eine Planung über mehrere Tage ist schwierig.

Friedman hat mehrere Studien zum Zeitverständnis bei Kindern durchgeführt. In "About Time: Inventing the Fourth Dimension" (1990) und späteren Arbeiten zeigte er, dass Kinder im Alter von 6-7 Jahren zwar die Wochentage nennen können, aber oft Schwierigkeiten haben, zu verstehen, wie viele Tage zwischen "Heute" und "Nächste Woche Mittwoch" liegen.

Fazit: Erst gegen Ende der Grundschulzeit sind die exekutiven Funktionen für komplexere Selbstorganisation ausreichend ausgereift, natürlich unter Berücksichtigung individueller Unterschiede. Es gibt auch viele Erwachsene, die Schwierigkeiten mit den exekutiven Funktionen haben!

Jeder kennt wohl Leute im Umfeld die sagen "Ich könnte niemals selbstständig tätig sein, ich bin lieber angestellt" Oder die sogenannten "ewigen Studenten", die in einer Fachhochschule mit straffen Stundenplan wohl besser aufgehoben wären, als ein Studium zu machen mit freier Zeiteinteilung?

"Der große Schulstart-Helfer" - Praktische Unterstützung für Vorschulkinder

Um Kinder optimal auf den Schulalltag vorzubereiten, sind neben den Vorläuferfähigkeiten die für lesen, schreiben, rechnen notwendig sind, viele praktische Betätigungen relevant. Spätesten ab dem ersten Schultag wird das Kind damit konfrontiert sein. Ich habe ein spezielles Übungsset erstellt, das hier im Online Shop zur Verfügung steht. Mit dem "Schulstart-Helfer" können Eltern, Pädagogen und Therapeuten spielerisch wichtige Alltagskompetenzen aufgreifen und fördern.

Der große Schulstarthelfer

Das Set umfasst thematisch sortierte Bildkarten zu fünf Kernbereichen:

  1. Hygiene & Körperpflege
  2. An- und Ausziehen / Kleidung
  3. Pausenaktivitäten und soziale Kompetenzen
  4. Schulmaterial und Organisation
  5. Schulregeln und Routinen

Einsatzmöglichkeiten:

Für Zuhause:

  • Gemeinsames Sortieren und Besprechen der Bildkarten
  • Dokumentieren bereits beherrschter Fertigkeiten
  • Rollenspiele zum Thema "Schule"
  • Gezieltes Üben einzelner Fertigkeiten

Im Kindergarten:

  • Gruppenaktivitäten zur Schulvorbereitung
  • Gezielte Förderung individueller Kinder
  • Als Gesprächsgrundlage für Entwicklungsgespräche

In der Ergotherapie:

  • Als Befunderhebung und Verlaufsbeobachtung
  • Grundlage für Erstgespräche mit Eltern
  • Zielgerichtete Förderung schulrelevanter Fertigkeiten

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Hier habe ich übrigens vor einiger Zeit einen sogenannten "Geschicklichkeitsführerschein" für Kinder im letzten Kindergartenjahr erstellt. Schau dazu gerne hier vorbei:

Geschicklichkeitsführerschein zur Schulvorbereitung im Kindergarten

Fazit: Zurück zu den grundlegenden Kompetenzen

Auch wenn wir die zunehmende Komplexität des Schulsystems nicht direkt beeinflussen können, liegt es in unserer Verantwortung als Eltern, Therapeuten und Pädagogen, Kinder mit den notwendigen Alltagskompetenzen auszustatten.

Statt den Fokus auf akademische Frühförderung zu legen, sollten wir uns wieder mehr auf alltagspraktische Betätigungen konzentrieren, die langfristig den Schulerfolg und die Persönlichkeitsentwicklung unterstützen. Es sagt sehr wenig aus, wenn das Kind im letzten Kindergartenjahr bis 100 zählen kann. Aber es sagt mehr aus, ob es seine erlernten Fähigkeiten im praktischen Schul- und Alltagsleben auch umsetzen kann.

Alles Liebe, Christina

 

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