Wie können wir Kinder optimal auf den Schulalltag vorbereiten? Benötigt es rein intellektuelle Fähigkeiten oder sind bestimmte Betätigungen ebenso wichtig? Auf das und mehr werde ich hier eingehen.
Wird unser Schulsystem immer komplexer oder nehmen die grundlegenden Fertigkeiten unserer Kinder ab? Diese Frage begegnete mir als Ergotherapeutin regelmäßig, als ich noch vermehrt mit Schulkindern gearbeitet habe.
Nach meiner Beobachtung ist es eine Kombination aus beidem: Einerseits werden die Anforderungen und Abläufe in der Volksschule zunehmend komplexer, andererseits scheinen bestimmte Alltagsfertigkeiten bei Kindern weniger selbstverständlich zu sein als früher.
Wenn ich an meine eigene Volksschulzeit zurückdenke, waren die Schulutensilien überschaubar: Deutsch- und Mathematikhefte (Hausübungs- und Schulübungshefte), ein Sachunterrichtsheft, ein Religionsheft, ein Merkwörterheft, ein Ansagenheft, ein Block, eine Flügelmappe sowie die dazugehörigen Schulbücher. Alles war farblich einfach geordnet – rot für Deutsch, blau für Mathematik. Oder umgekehrt, so genau weiß ich es nicht mehr. Und es war aus meinem Empfinden heraus überschaubar was wir als Hausaufgabe auf hatten. Zu erwähnen ist, dass ich übrigens keine 1er Schülerin in der Volksschule war. In der vierten Klasse Volksschule hatte ich im ersten Semester eine 3 in Deutsch. Ich musste mir viel erlernen.
Anmerkung: Ich weiß, Vorsicht mit Verallgemeinerungen ;-), natürlich ist das Ganze sehr unterschiedlich und doch ist diese Komplexität an Abläufen und Informationen im Gegensatz zu früher wohl nicht abzustreiten.
Auch hier bin ich mit meiner Wahrnehmung wahrscheinlich nicht alleine, wenn ich schreibe, dass folgende Kompetenzen häufig fehlen...
Die Gründe für diese Entwicklung sind zu vielschichtig, daher ein paar grobe Ideen von mir:
In Kindergärten hat sich der Fokus teilweise von klassischen Papier-Bleistift-Übungen und feinmotorischen Aktivitäten zu freieren Formen der Schulvorbereitung verschoben. Was früher zu viel war, ist jetzt vielleicht zu wenig...Glücklicherweise beobachte ich langsam eine Rückkehr zu einem ausgewogenen Mittelweg.
Der höchste Intelligenzquotient kann sich nicht gut entfalten, wenn grundlegende praktische und sozial-emotionale Kompetenzen fehlen, wie:
In folgenden Blogartikel kannst du übrigens über die sogenannten Exekutiven Funktionen nachlesen, denn genau diese sind für ein gelingendes Alltagsleben äußerst relevant!
Was haben die exekutiven Funktionen mit Aufmerksamkeit und Sozialverhalten zu tun?
Was sind Exekutive Funktionen und warum sind sie so wichtig?
Dazu passt der nächste Punkt ganz gut, den ich aufgreifen möchte, das Thema mit den Wochenplänen...
Ich habe Kinder in der Therapie erlebt, die bereits ab der ersten Klasse welche hatten. Ist das Kind leistungsschwach und leidet es an AD(H)S, sind sie natürlich damit extrem überfordert.
Es hängt wahrscheinlich auch von der Einführung ab, wie genau die Pläne eingesetzt werden etc. Aber aus entwicklungspsychologischer Sicht weiß man, dass Kinder erst gegen Ende der Grundschulzeit die kognitiven und selbstregulativen Fähigkeiten für eigenständiges Arbeiten mit Wochenplänen haben. Frühere Einsätze können je nach Kind natürlich durchaus möglich sein, sollten aber stark angepasst und begleitet werden, um die Kinder nicht zu überfordern. Und das beobachte ich jetzt nicht unbedingt. Wie soll denn eine individuelle Begleitung bei mehr als 20 Kinder in der Klasse funktionieren?
Wie überall, gibt es natürlich Unterschiede in der Entwicklung, großteils ist die Hirnreife aber erst durchschnittlich mit 25 Jahren abgeschlossen. Der Sitz dieser Fähigkeiten die für Wochenpläne notwendig sind (exekutive Funktionen) sitzen im präfontalen Cortex, welcher sich ab der Geburt mit entsprechender Begleitung/Erziehung entwickelt. Teilweise ist die Hirnreife wie gesagt, erst mit 25 Jahren abgeschlossen. Da stelle ich mir die Frage, ist es wirklich notwendig, wenn wir 6 jährige Erstklässler bereits mit Wochenplänen konfrontieren?
Nach Piaget sind 6- 7 Jährige Kinder in der sogenannten Präoperationalen Phase, wo das Zeitverständnis noch sehr stark eingeschränkt ist. Viele können tagesaktuelle Aufgaben überschauen, aber eine Planung über mehrere Tage ist schwierig.
Friedman hat mehrere Studien zum Zeitverständnis bei Kindern durchgeführt. In "About Time: Inventing the Fourth Dimension" (1990) und späteren Arbeiten zeigte er, dass Kinder im Alter von 6-7 Jahren zwar die Wochentage nennen können, aber oft Schwierigkeiten haben, zu verstehen, wie viele Tage zwischen "Heute" und "Nächste Woche Mittwoch" liegen.
Fazit: Erst gegen Ende der Grundschulzeit sind die exekutiven Funktionen für komplexere Selbstorganisation ausreichend ausgereift, natürlich unter Berücksichtigung individueller Unterschiede. Es gibt auch viele Erwachsene, die Schwierigkeiten mit den exekutiven Funktionen haben!
Jeder kennt wohl Leute im Umfeld die sagen "Ich könnte niemals selbstständig tätig sein, ich bin lieber angestellt" Oder die sogenannten "ewigen Studenten", die in einer Fachhochschule mit straffen Stundenplan wohl besser aufgehoben wären, als ein Studium zu machen mit freier Zeiteinteilung?
Um Kinder optimal auf den Schulalltag vorzubereiten, sind neben den Vorläuferfähigkeiten die für lesen, schreiben, rechnen notwendig sind, viele praktische Betätigungen relevant. Spätesten ab dem ersten Schultag wird das Kind damit konfrontiert sein. Ich habe ein spezielles Übungsset erstellt, das hier im Online Shop zur Verfügung steht. Mit dem "Schulstart-Helfer" können Eltern, Pädagogen und Therapeuten spielerisch wichtige Alltagskompetenzen aufgreifen und fördern.
Das Set umfasst thematisch sortierte Bildkarten zu fünf Kernbereichen:
Einsatzmöglichkeiten:
Für Zuhause:
Im Kindergarten:
In der Ergotherapie:
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Hier habe ich übrigens vor einiger Zeit einen sogenannten "Geschicklichkeitsführerschein" für Kinder im letzten Kindergartenjahr erstellt. Schau dazu gerne hier vorbei:
Geschicklichkeitsführerschein zur Schulvorbereitung im Kindergarten
Fazit: Zurück zu den grundlegenden Kompetenzen
Auch wenn wir die zunehmende Komplexität des Schulsystems nicht direkt beeinflussen können, liegt es in unserer Verantwortung als Eltern, Therapeuten und Pädagogen, Kinder mit den notwendigen Alltagskompetenzen auszustatten.
Statt den Fokus auf akademische Frühförderung zu legen, sollten wir uns wieder mehr auf alltagspraktische Betätigungen konzentrieren, die langfristig den Schulerfolg und die Persönlichkeitsentwicklung unterstützen. Es sagt sehr wenig aus, wenn das Kind im letzten Kindergartenjahr bis 100 zählen kann. Aber es sagt mehr aus, ob es seine erlernten Fähigkeiten im praktischen Schul- und Alltagsleben auch umsetzen kann.
Alles Liebe, Christina