Was sind Exekutive Funktionen und warum sind sie so wichtig?

Unterschätzte Fähigkeiten die allerdings die Weichen stellen für das spätere Erwachsenenleben…

Im folgenden Artikel gehe ich auf den Begriff Exekutive Funktionen ein. Am Ende gebe ich ein paar Tipps, Spielempfehlungen und Literaturhinweise!

Die Exekutiven Funktionen benötigen wir, um planvoll, zielgerichtet und überlegt handeln zu können. Dadurch können wir uns situationsangepasst verhalten und unser Verhalten steuern. Der Sitz dieser Funktionen ist im Frontalhirn. Sie sind von weitreichender Bedeutung für das menschliche Sozialverhalten und für erfolgreiches Lernen.

Beispiele:

  • Rücksicht nehmen
  • am Mittagstisch warten können bis alle aufgegessen haben
  • aufmerksam bei der Sache sein
  • Bedürfnisse ausdrücken
  • sich auf andere einlassen
  • Pläne durchführen und dabeibleiben – Stichwort Hausübung
  • Angemessenes Lerntempo
  • in einer Reihe warten können
  • Rechenregeln anwenden können
  • Ordnung und Struktur
  • Vorausschauendes Denken und Handeln
  • Textverständnis
  • logische Reihen erkennen – Bildgeschichten
  • eine Handlung von Anfang bis Ende schrittweise durchführen
  • sich auf eine neue Situation einstellen und adäquat reagieren und entsprechend handeln
  • strategisches Denken
  • uvm.

…. das alles sind Fähigkeiten die den Exekutiven Funktionen zugeschrieben werden. Je mehr der Erwachsene hilft beim Organisieren, Wegräumen von Spielsachen, ständig das Kind an die Durchführung von Aufträgen erinnern muss, je mehr er Anweisungen geben und das Kind antreiben muss, weil es sich einfach nicht anzieht oder beim Tisch bleibt, desto mühsamer verläuft der Alltag und desto weniger sind bzw. werden die Exekutiven Funktionen beim Kind trainiert. Je älter das Kind wird, desto mehr reifen auch die Exekutiven Funktionen, vorausgesetzt, es werden Möglichkeiten dazu geschaffen.

Es wird vermutet, dass die Exekutiven Funktionen in der Schule wichtiger sind als Intelligenz. Die intelligentesten Kinder/Erwachsene können Schwierigkeiten mit den Exekutiven Funktionen haben…

Die Exekutiven Funktionen umfassen einerseits Fähigkeiten, die das soziale Miteinander und  Motivation betreffen. Auch emotionale Bewertungen und verschiedene Perspektiven einnehmen zu können fällt darunter. Diese werden auch „warme“ Exekutive Funktionen (EF’s) genannt. Andererseits gehören auch kognitive Flexibilität (sich an Veränderungen anpassen, adäquat reagieren), das Arbeitsgedächtnis und die Inhibition (kognitive Hemmung) dazu. All diese  Fähigkeiten werden u.a für Problemlösung benötigt. Man nennt diese auch die „kalten EF’s“.

Der Begriff Exekutive Funktionen ist ein Sammelbegriff für drei verschiedene kognitive Kontrollfunktionen.

Im Folgenden gehe ich kurz auf die einzelnen Begriffe ein:

Arbeitsgedächtnis:
Unter Arbeitsgedächtnis versteht man, dass aufgabenrelevante Informationen für die Dauer einer Aufgabe gespeichert und verändert werden. Es dient also zur Speicherung und Verarbeitung von Informationen.

Das können neue oder langfristige Informationen sein. Das Kopfrechnen ist ein konkretes Beispiel wo das Arbeitsgedächtnis benötigt wird. Es werden hierbei Zwischenschritte im Arbeitsgedächtnis kurz abgespeichert um dann ein Ergebnis zu erzielen. Beispiel: 13 + 19. Ich muss ich mir im Kopf ein Zwischenergebnis merken wie zuerst einmal auf 20 rechnen: 13 +7 = 20, dann noch + 2. Ergebnis: 22

Zielgerichtetes und planvolles Vorgehen wird von einem gut entwickelten Arbeitsgedächtnis unterstützt.

Im Arbeitsgedächtnis geht es auch darum, Informationen zu bearbeiten und mit Infos aus dem Langzeitgedächtnis zu verknüpfen.

Inhibition (Hemmung)
Darunter versteht man die Fähigkeit, Reize zu unterdrücken oder zu hemmen – die sogenannte Impulskontrolle. Beispiele: Ein Kind das im Unterricht ständig stört oder irgendwelche Laute von sich gibt, den Körper ständig in Bewegung hat, sich bei einer stillen Arbeit schnell ablenken lässt und z.B. immer wieder aus dem Fenster sieht, hat Schwierigkeiten mit der Hemmung. Oder das Kind hat unkontrollierte Wutausbrüche.

Durch eine kontrollierte Verhaltenshemmung und Aufmerksamkeitslenkung können unangemessene Impulse, die mich von einem angestrebten Ziel abhalten wollen, leichter reguliert werden.

Eine erhöhte Selbstdisziplin und ein verbessertes Sozialverhalten ist die Folge!

Kinder, die Schwierigkeiten mit der Impulskontrolle haben, sei es im Spiel – dass sie nicht verlieren können und sofort wütend werden oder die sich bei der Hausübung schnell ablenken lassen, haben meist sehr starke interne Ablenker.

Diese inneren Ablenker sind problematisch, weil sie meist negative Glaubenssätze beinhalten. Sie führen dazu, dass das Kind aus der Situation „flüchtet“. Die Folge ist, dass es ständig hin und her gerissen ist zwischen Lust und Unlust für eine Tätigkeit und ein „innerer Kampf“ ist die Folge. Symptome sind beispielsweise: Ständiges kratzen, jucken, das Kind will von der Hausübung immer wieder aufstehen, geht viel auf die Toilette oder möchte wiederkehrend trinken oder essen Alls das sind Ausdrücke einer mangelnden kognitiven Hemmung.

Dysfunktionelle Gedanken entstehen ebenfalls – wie: ich kann das sowieso nicht, Hausübungen sind doof, die anderen Kindern gewinnen immer, ich bin blöd…

Hier ist ein guter Ansatz, dass das Kind die internen dysfunktionellen Ablenker/Gedanken erkennt. Mit dem Kind kann durchaus erarbeitet werden, welche Gedanken in ihm vorgehen und ihn von einem Ziel abbringen möchten (Hausübung machen, aufräumen, lernen etc.).

In einem weiteren Schritt kann das Wofür/Ziel besprochen werden damit das Kind den Nutzen erkennt, warum es beispielsweise wichtig ist, dass es Hausübungen macht, warum es sinnvoll ist, beim Verlieren nicht auszurasten. Es muss verinnerlichen, wofür es die Anstrengung anfangs in Kauf nimmt, um an dem Ziel zu arbeiten, dass es darin besser wird.

Kognitive Flexibilität:

Darunter wird die Fähigkeit verstanden, sich auf neue Situationen und Anforderungen einzustellen und notwendige Veränderungen vorzunehmen.

Es müssen auch Prioritäten gesetzt werden, was zuerst zu erledigen ist und vorerst wichtiger ist.

Beispiele:

  1. Ich verpasse den Zug. Nun muss ich mich neu anpassen und im Fahrplan nach einer neuen Verbindung suchen – gegebenenfalls mich anpassen, wenn es eine andere Route ist. Hierbei nicht den Kopf zu verlieren und Möglichkeiten/Lösungen zu finden sind gefordert. Strategisches Vorgehen zählt ebenfalls zur kognitiven Flexibilität.
  2. Das Kind stellt sich in der Schule auf wechselnde Schulfächer ein und reagiert angemessen in seinem Verhalten und seinen Handlungen – z.B. durch entsprechende Organisation der Schulbücher für das anstehende Unterrichtsfach etc.

Eine Situation und Menschen aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und hin und her wechseln zwischen den Perspektiven, sind bei einer guten kognitiven Flexibilität möglich.

All diese Fähigkeiten fließen ineinander und bilden die Exekutiven Funktionen.

Wann entwickeln sich die Exekutiven Funktionen?

Bereits im ersten Lebensjahr, beginnen sie sich auszubilden. Im Kindergartenalter kommt es dann zu einer deutlichen Steigerung. Kinder beginnen Pläne zu schmieden, durch Rollenspiele lernen sie, verschiedene Perspektiven einzunehmen, sie regulieren ihre eigenen Emotionen und treffen Entscheidungen.

Gegen Ende der Grundschule/Volksschule sind einzelne Funktionen schon sehr gut ausgebildet. Das komplexhafte Zusammenspiel verfeinert sich bis ins junge Erwachsenenalter.

Je nach Genetik, spielen auch Hirnreifung, Umwelt und Erfahrung bei der Entwicklung der Exekutiven Funktionen eine Rolle. Jedes Kind ist in der Entwicklung dieser sehr individuell. Manchen Kindern fällt es leicht, sich Handlungsabfolgen zu merken, wohin andere im gleichen Alter noch Schwierigkeiten haben.

Anfangs sind sie noch nicht ausgebildet, sondern müssen im Kindes- und Jugendalter gelernt werden. Je älter das Kind wird, desto mehr reifen sie. Es wird vermutet, dass die Exekutiven Funktionen auch mit dem individuellen Charakter korrelieren! Bis ins junge Erwachsenenalter ist es einfacher, diese zu erlernen. Bis Mitte 30 sind sie vollständig entwickelt!

Ein paar Inspirationen, wie du die EF’s fördern kannst:

  • Durch eine strukturierte Umgebung: nicht zu viel und nicht zu wenige Spielmaterialien anbieten, welche das selbstständige Handeln fördern. Zum Beispiel durch eine korrekte Beschriftung von der räumlichen Umgebung das Wegräumen erleichtern: „Schuhparkplatz“ für linken und rechten Schuh (wenn es mit Ordnung in der Garderobe Schwierigkeiten gibt). Oder Bastelmaterialien ordentlich in einem Behälter zur Verfügung stellen – z.B. immer am selben Platz, stehend etc. Am Schreibtisch: Mit dem Kind gemeinsam eine strukturierte Ordnung erarbeiten (Stifte immer am gleichen Platz, Sortierboxen verwenden etc. und anschließend den Schreibtisch fotografieren und als Erinnerungsbild aufhängen – damit es selbstständiger und strukturierter arbeiten kann.
  • Mithilfe des Kindes im Alltag, z.B. beim Tischdecken oder anderen alltäglichen Handlungen: Das Kind darf lernen, welches Geschirr es dafür braucht und wie es dabei vorgehen muss beim Aufdecken.
  • Verantwortung für das Gießen einer Pflanze oder das Versorgen eines Haustieres dem Kind überlassen (wenn es schon etwas älter ist). Dem Kind eine Verantwortlichkeit übertragen fördert es in seinem Selbstbewusstsein, als auch in der Eigenständigkeit enorm.
  • „Fragen statt Sagen“ Methode anwenden, wenn das Kind wo Schwierigkeiten hat – Beispiel beim Anziehen: Du gehst mit deinem Kind in den Garten und es schneit: Statt als Erwachsener alles zu übernehmen oder dem Kind immer alle Lösungen zu sagen, kannst du Fragen an das Kind stellen: Was glaubst du, musst du alles anziehen? Kannst du dich noch erinnern, was du zuerst anziehen musst? Fragen statt Sagen kann überall da angewendet werden, wo das Kind Schwierigkeiten hat mit dem Durchführen und Vorbereiten von Handlungen. Durch das selbstständige Überlegen und Finden von Lösungen durch Fragen wird das Gehirn besonders angeregt!
  • Hausübung: wenn das Kind unruhig ist, immer wieder „flüchten“ will etc. sagen: Bevor wir anfangen, willst du noch irgendwas loswerden und mir sagen? Was geht dir im Kopf herum? Es wird nun alles aufgeschrieben und in den Gedankensafe gesperrt. Dazu eine kleine Schatzkiste verwenden und die Zettel reingeben. Bei diesem Ritual geht es darum, dass das Kind nochmal angehört wird und diese inneren gedanklichen Ablenker los wird.
  • Vergesslichkeit: Das Kind vergisst immer das Turnsackerl in der Schule? Gedanklich vorm Schlafengehen des jeweiligen Tages wo die Turnstunde stattfindet, die Situation durchspielen: Was machst du bevor du das Turnsackerl nimmst? Situation gedanklich durchspielen und vorstellen: Anziehen, Umdrehen und ein letzter Kontrollblick und Turnsackerl vom Haken nehmen. Dieses Umdrehen und Kontrollblick durch Wiederholung einschleifen. Das kann in jeder Situation angewendet werden – auch für Erwachsene, die vergesslich sind. Dem Kind erklären, dass auch Sportler wie Schifahrerinnen und Schifahrer oder Tänzerinnen und Tänzer sich im Kopf Abläufe gedanklich mit Bildern vom jeweiligen Rennen/Auftritt vorstellen;
  • Diverse Ablaufpläne (was kommt der Reihe nach dran zum Beispiel beim Anziehen, Zähneputzen, Klo gehen uvm.) Checklisten, vorgefertigte Tagesabläufe die jeden Tag neu ausgefüllt werden, Kalender zur Verfügung stellen.
  • Bewegung/Yoga: Gerade Körperspannung und Sport hilft dem Gehirn, dass es wacher und präsenter ist, weil die Sauerstoffzufuhr angeregt wird und bestimmte Hormone produziert werden, die sich auf die Aufmerksamkeit im Gehirn positiv auswirken.
  • Spiele, Spiele, Spiele 😉 

In der Ergotherapie werden auf das Kind abgestimmte Tricks erarbeitet (je nach Problem), wenn es im Bereich der Exekutiven Funktionen Schwierigkeiten hat. Da auch Bewegung, Achtsamkeit, Yoga, Meditation bei Kindern empfohlen wird, sind auch diese Elemente sehr förderlich.

Welche Brettspiele fördern die Exekutiven Funktionen besonders gut?

  • Wie in einem Blogartikel schon erwähnt, sind das alle Fex Spiele von Haba! HIER
  • Rush Hour
  • Das verrückte Labyrinth
  • Make’n Break
  • etc.

Im Grunde fördern allgemein Spiele die Exekutiven Funktionen, vor allem strategische Spiele. Generell werden beim Spiel Regelverhalten, vorausschauendes Denken, die Hemmung (warten bis ich dran bin), verlieren können (Frustrationstoleranz), Merkfähigkeit (Teil vom Arbeitsgedächtnis), strategisches Denken (kognitive Flexibilität) – je nach Spiel – mehr oder weniger trainiert. Das geistige Vorstellen von logischen Sequenzen ist allerdings ein besonderes Merkmal bei „Exekutiven Spielen“.

Spiele sind nicht umsonst die „Tägliche Arbeit“ des Kindes. Es stecken darin so viele Bereiche, die angesprochen werden, die es für das Alltagsleben benötigt, auch wenn das nicht immer so offensichtlich ist. Gemeinsame Spielabende könnten zum Beispiel eingeführt werden.

In Anlehnung an: Förderung exekutiver Funktionen:  HIER

Förderung exekutiver Funktionen durch Raumgestaltung: HIER

Ich freue mich, wenn ich einen kleinen Einblick geben konnte. Bei weiteren Fragen schreibe mir gerne an praxis@ergo-life.at!