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27. März 2025

Warum auch Buben malen sollten: Die Voraussetzung fürs Schreibenlernen

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Unterschied Malentwicklung Jungen - Mädchen

"Er ist halt ein Bub - Buben malen nicht gerne."

Diesen Satz höre ich in meiner beruflichen Praxis immer wieder. Gefolgt von weiteren Aussagen wie:

  • "Er ist halt lieber draußen."
  • "Er bleibt nicht am Tisch."
  • "Malen hat ihn noch nie interessiert."
  • "Moina gfreit erm hoit net."
  • "Da Papa hot a net gern gmoint und gschriebn."

Diese Aussagen scheinen auf den ersten Blick harmlos, doch sie verdienen einen genaueren Blick. Denn sehr häufig beobachte ich, dass hinter der Vermeidung bestimmter Tätigkeiten oft ernstere Ursachen stecken.

Die Malentwicklung verläuft zwischen Buben und Mädchen grundsätzlich in etwa gleich. Es könnte sein, dass Mädchen vielleicht im Durchschnitt eine etwas frühere feinmotorische Reife zeigen, wobei es heißt, dass Buben diesen Unterschied meist später aufholen.

Hier findest du die einzelnen Phasen der Malentwicklung in einem groben Überblick: Warum eine altersentsprechende Malenentwicklung nichts mit „Zeichentalent“ zu tun hat

Dass häufig Mädchen mehr malen als Buben,  ist nicht unbedingt biologisch bedingt, sondern stark von sozialen und kulturellen Faktoren beeinflusst, denn sonst gäbe es ja auch nicht so viele männliche Künstler in der Vergangenheit, Architekten oder Chirurgen.

Das eigentliche Problem liegt also nicht unbedingt in biologischen Unterschieden, sondern in der unterschiedlichen Förderung und Erwartungshaltung, welche bestimmte Verhaltensweisen mehr verstärken. Wenn wir bei Buben das Malen als weniger wichtig erachten oder nicht gleichwertig fördern, kann dies zu Defiziten führen. Auch unsere Zuschreibungen beeinflussen uns, was wir als "typisch Bubenhaft" oder "Mädchenhaft" einordnen. Und wenn es dann vielleicht von Außen heißt und quasi entschuldigt wird, dass er ja als Bub nicht malen muss, werden Stereotypen sehr verstärkt und sich als Nachteil für die schulische Laufbahn herausstellen.

Wenn das Malen vermieden wird...

Natürlich gibt es Kinder, die tatsächlich andere Interessen haben. Das ist auch gut so. Wir müssen nicht alles mögen. Wenn ein Kind die altersgerechten Entwicklungsschritte im Malen problemlos meistern kann und trotzdem lieber etwas anderes tut, dann hat es wirklich mit persönlichen Vorlieben zu tun.

Doch die Realität sieht oft anders aus: Viele Kinder – und in meiner Erfahrung überproportional häufig Buben – vermeiden das Malen aus einem einfachen Grund: Es fällt ihnen schwer.

Oftmals "rutschen" Buben im Kindergarten durch, weil sie ihre Zeit lieber in der Bauecke, im Bewegungsraum oder im Garten verbringen, und man sie bei kreativen Angeboten vielleicht etwas übersieht. Denn leider werden Aktivitäten wie Malen, Basteln und Zeichnen noch immer gerne stereotyp den Mädchen zugeschrieben.

Malen ist nicht bloß Kunst - sondern die Voraussetzung fürs Schreibenlernen

Ich finde, Malen und Zeichnen wird zu Unrecht unterschätzt. Spätestens beim Schreibenlernen von Buchstaben und Ziffern stellt sich nämlich heraus, wenn keine Basis vorhanden ist. Fürs Schreiben muss das Kind Schrägen, Kreise, Vierecke uvm. mehr können. Wenn ein Kind kein Dreieck kann, wie soll es dann den Buchstaben A schreiben? Oder eine 1? Es muss den Stift dynamisch halten, sodass sich die ersten 3 Finger (Daumen, Zeige- und Mittelfinger) gut bewegen können, es müssen Linien eingehalten werden, es muss sich konzentrieren und sitzen können, abschreiben etc.

Dabei geht es beim Malen überhaupt nicht darum, ein Zeichentalent zu sein oder den nächsten Michelangelo hervorzubringen. Bei der Malentwicklung geht es um wesentlich grundlegendere Fähigkeiten:

  • Grundformen erkennen und reproduzieren wie Dreieck, Kreis, Oval, Viereck, Spiralen, Kreuzchen, Striche, Punkte
  • Graphomotorische Geschicklichkeit der Hände
  • Körperwahrnehmung: Mich selbst darstellen können: Wo ist der Kopf, die Füße?
  • Aufmerksamkeit und Konzentration: Sich über längeren Raum mit einer Tätigkeit beschäftigen, auch wenn sie mich nicht so interessiert.
  • Grenzen einhalten: Linien einhalten, Zeilen einhalten, Distanzen und Größen  abschätzen
  • Den Stift "abstoppen" können
  • Taktile Wahrnehmung (Tastsinn): Den Stift aushalten können wenn das Kind ihn hält

All diese Fähigkeiten sind für das spätere Schreiben- und Rechnenlernen von erheblicher Bedeutung.

Warum Kinder Tätigkeiten vermeiden

Wenn ein Kind Malen und Basteln vermeidet, dann oft, weil:

  • es anstrengend für sie ist
  • es ihnen schwerfällt
  • ihnen vor Augen geführt wird, dass andere Kinder es besser können

Kinder vergleichen sich untereinander sehr genau. Sie bemerken durchaus, wenn ihnen etwas schwerer fällt als ihren Altersgenossen. Und welches Kind tut schon gerne etwas, was es nicht gut kann?

Auch wir Erwachsene wählen doch bevorzugt Hobbys, die uns leicht(er) von der Hand gehen, oder etwa nicht? Und doch müssen wir auch Dinge tun, die nicht so Spaß machen. Und daher finde ich, sollten wir uns von dem verabschieden zu meinen, im Leben gibt es immer nur um Spaß und Freude (auch wenn vieles mit Spaß leichter von der Hand geht). Es gibt Dinge die machen nicht so eine Freude, gehören aber gemacht. Und das dürfen auch schon Kinder lernen, wenn es später als Erwachsene von ihnen verlangt wird. Die wenigsten Menschen haben nämlich für alle unliebsamen Tätigkeiten jemanden, der ihnen alles abnimmt wie Putzen, Bügeln, Bürokratie etc.

Der Homunculus: Unser Gehirn braucht aktive Hände

Wir leben in einer Zeit, in der den Händen vieles abgenommen wird. Dabei schafft gerade die Digitalisierung eines nicht: die Entwicklung der Feinmotorik zu ersetzen.

Der Homunculus – die Repräsentation unseres Körpers im Gehirn – zeigt, wie wichtig unsere Hände sind. Im motorischen und sensorischen Kortex nehmen die Hände, Finger und Daumen einen überproportional großen Raum ein.

Das Faszinierende: Diese Repräsentationsbereiche sind nicht statisch! Sie können sich verändern – ein Phänomen, das als neuronale Plastizität bezeichnet wird. Wenn bestimmte Körperteile weniger genutzt werden, kann der entsprechende Bereich im Gehirn tatsächlich schrumpfen. Das Gehirn arbeitet nach dem Prinzip "Use it or lose it" (Nutze es oder verliere es).

Bei mangelnder Nutzung:

  1. Werden neuronale Verbindungen schwächer
  2. Nimmt die Anzahl der Synapsen ab
  3. Kann der Bereich im motorischen und sensorischen Kortex kleiner werden
  4. Können benachbarte Gehirnareale diesen Platz übernehmen

Die Tablet-Nutzung wird dem Kind bei der Malentwicklung nicht helfen. Was vom Gehirn nicht genutzt wird, verkümmert.

Warum ist Malen wichtig für Kinder?

Mit diesem Exkurs in die Anatomie möchte ich verdeutlichen, dass für die Gesamtentwicklung das Schaffen, Hantieren und feine Arbeiten unglaublich wichtig ist.

Dabei muss das Kind kein Künstler, Architekt oder Mikrochirurg werden. Es genügt, wenn es später:

  • Schmerzfrei und leserlich schreiben kann
  • Ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen entwickelt (z.B. um ein Auto einparken zu können)
  • Distanzen und Gefahren einschätzen kann
  • Den Heimweg finden kann, ohne sich zu verirren
  • Als Erwachsener etwas zusammenschrauben kann
  • Sich selbst gut spürt und nicht ständig stolpert oder sich verletzt
  • und viele vieles mehr!!!

So viele alltagspraktische Fähigkeiten hängen mit der frühen Förderung der Feinmotorik zusammen – unabhängig davon, ob man ein Zeichentalent ist oder nicht.

In diesem Downloadprodukt findest du viele Malübungen für Vorschulkinder: Malvorlagen Kinder- Malspaß mit Karli Kasperl

Kein Bub muss "nicht malen können"

Und kein Bub muss "nicht schreiben können", nur weil er ein Bub ist. Ich finde es daher wichtig, dass auch Buben im Kindergarten oder zu Hause die Möglichkeit haben, ihre Feinmotorik zu entwickeln.

Anstatt zu sagen "Er ist halt ein Bub", sollten wir vielleicht überlegen, wie wir das Malen und kreative Gestalten für alle Kinder attraktiver machen können. Denn die Fähigkeiten, die dabei entwickelt werden, sind keine Frage des Geschlechts – sondern grundlegende Werkzeuge für ein selbstständiges Leben.

Wie motiviere ich mein Kind zum Malen?

Das und vieles mehr findest du in meinem ausführlichen Download Produkt: Malvorlagen Kinder- Malspaß mit Karli Kasperl

Und in dem bereits erwähnten Blogartikel findest du ebenfalls viele motivierende Tipps: Warum eine altersentsprechende Malenentwicklung nichts mit „Zeichentalent“ zu tun hat


Liebe Grüße

Christina

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