Propriozeption – der 6. Sinn? Wie kannst du die Tiefenwahrnehmung fördern?

Wenn du das Wort noch nie gehört hast, dann ist dieser Artikel hier für dich spannend. Viele Kinder, aber auch Erwachsene können Schwierigkeiten in der Propriozeption (Tiefenwahrnehmung) haben.

Das sind Kinder, die ihren eigenen Körper nicht gut wahrnehmen (keine Vorstellung über den eigenen Körper haben, ihn zu wenig spüren usw.), ungeschickt sind (versteifte Bewegungen zeigen, Bewegungsabläufe schwer stoppen können, stolpern, anstoßen usw.), zu viel oder zu wenig den Stift aufdrücken, Mund steht viel offen und vermehrt Speichelfluss, Probleme bei der Sprachproduktion haben usw.)

Nach einem Schlaganfall können Menschen ebenfalls Schwierigkeiten mit der Propriozeption haben, Menschen mit Demenz, bettlägerige Menschen, schwer beeinträchtigte Kinder/Erwachsene. Auch bei Menschen mit Parkinson nimmt die Tiefenwahrnehmung ab.

Definition:

Unter Propriozeption versteht man die Tiefenwahrnehmung von Körperlage und der Körperbewegung im Raum. Durch diese kann das Hirn erkennen, wo sich jeder Teil des Körpers gerade befindet und wie er sich bewegt. Die Propriozeption bezieht sich auf die Eigenwahrnehmung, d.h. die Lage des eigenen Körpers wird nicht über Reize von außen wahrgenommen, sondern die Information kommt von den Mechanorezeptoren (Sinneszellen) der Muskeln, Sehnen und Haut und des Vestibularorgans (Gleichgewicht).

Zur Propriozeption gehört:

  • Lagesinn: Darunter versteht man die Position des Körpers im Raum, die Stellung der Gelenke und des Kopfes. Wir spüren die Lage einzelner Gelenke und die Stellung zueinander auch mit geschlossenen Augen. Wenn ich am Tisch sitze und meine Beine nicht sehe, weiß ich trotzdem wie die Beine stehen und spüre sie.
  • Kraftsinn: Spannungszustand von Muskeln und Sehnen. Dadurch kann empfunden werden, wie viel Kraft für diese oder jene Tätigkeit benötigt wird (Druckdosierung: beim Schreiben, etwas hochheben und die Kraft anpassen können).
  • Bewegungssinn: Bewegungsempfinden und Erkennen der Bewegungsrichtung. Bewege ich meine Gelenke, nehme ich die Richtung und die Geschwindigkeit wahr. Ich kann mich vorausschauend bewegen und weiß was dran ist und kann Bewegungen stoppen. Zum Beispiel bei einer Choreografie oder beim Fußballspielen wird der Bewegungssinn besonders benötigt, aber genauso auch beim Rennen, Gehen etc.
  • Spannungssinn: Wir können wechseln zwischen Spannung und Entspannung. Der Spannungssinn gibt uns Information über den Grad der Muskelspannung. Ein Mensch der einen sehr niedrigen Spannungszustand hat, tut sich viel schwerer seinen Körper zu spüren und koordiniert zu bewegen, weil die Muskeln zu wenig Information ans Gehirn weitergeleitet werden kann über die Lage, die Bewegung usw.

Die Mechanorezeptoren geben dem Gehirn die Information über den Zustand des Bewegungsapparates mit Muskeln, Sehnen und Knochen und machen uns so über den Körper bewusst. Über Vibration, Druck, Zug und Berührung oder Gleichgewichtsreaktionen werden diese Sinneszellen aktiviert. Kontrahiert sich der Muskel, geht die Information über Nervenbahnen im Rückenmark vom Gehirn an den Muskel und von der Muskulatur erfolgt eine Rückmeldung in das Zentralnervensystem.

Wie kann die Propriozeption bei Kindern gefördert werden?

  • Hüpfen (Trampolin, Himmel- und Hölle Hüpfspiel
  • Das Kind viel über Hügel, „schiefe Ebenen“ bewegen lassen
  • Schaukeln
  • Ziehen, Schieben (z.B. Wagen, Kisten etc.)
  • Kinder bei „Schwerer Arbeit“ mithelfen lassen: im nassen Sand oder Schnee laufen, Bohnensäckchen werfen, Holz stapeln, Steine ins Wasser werfen, Schubkarre fahren, putzen, schwere Dinge tragen, Wäschekorb tragen, schieben oder ziehen etc.
  • Yoga, Tanzen, Kampfsport
  • Gangarten von verschiedenen Tieren nachahmen lassen
  • Drücken, Kneten, Matschen
  • Eigenen Körper eincremen
  • Körper mit Bohnensäcken belegen oder Gewichtsdecke
  • Körper massieren mit Igelbälle, Malerrolle, Bürsten, Massagegeräte
  • Massagegeschichten
  • Sitzsack verwenden
  • Wackelkissen
  • Balancebrett
  • Ball prellen
  • Mattensandwich: Kind zwischen Matten einklemmen und es muss sich befreien

Was tun bei zappelige und „spannungslose“ Kinder?

Kinder die sehr viel zappeln, unkonzentriert sind und zum Beispiel bei der Hausübung nicht still sitzen können, spüren sich durch das zulange sitzen nicht mehr gut. Sie beginnen dann vermehrt zu zappeln, was eine natürliche Reaktion ist. Hier benötigen sie propriozeptive Reize.

Dem Kind kann zum Beispiel helfen:

  • dass es auf einem Wackelkissen sitzt
  • zwischen durch aufsteht und im Stehen arbeitet
  • zwischen den Sesselbeinen einen Theraband gespannt wird wo es die Füßen auf und ab wippen lassen kann
  • ein Massagegerät für die Füße verwendet wo es während der Hausübung die Füße hin und her rollen lassen kann
  • Gewicht auf die Oberschenkel aufliegt. Zum Beispiel Gewichtstiere – findest du hier: https://elja.at/
  • Und natürlich Bewegungspausen für zwischendurch!!!

Kinder die sehr wenig Körperspannung haben (wenig Tonus) die spüren auch ihre Gelenke weniger, weil die Sinneszellen besonders durch Muskelkontraktion aktiviert werden. D.h „Kraftsport“ jeglicher Art sind sehr empfehlenswert, darunter fällt nicht nur Yoga, sondern auch Kampfsport, Turnen, oder Tanzen. Oftmals heißt es dann, das Kind bewegt sich eh so viel oder spielt Fußball… rennen alleine reicht nicht immer aus. Sondern gezielte Übungen wo Körperspannung gefördert wird.

Dazu kommt, dass das Kind lernt, eine vorgezeigte Bewegung nachzumachen und zu planen wie der Körper eingesetzt werden muss. Die Körperhaltung dann auch noch zu halten, dazu ist viel Muskelkraft gefragt und die Sinneszellen werden aktiviert, wodurch die Propriozeption gefördert wird.

Den Körper abklopfen und munter machen sind ebenfalls gute Möglichkeiten, auch für zwischendurch, wenn das Kind zum Beispiel nicht so motiviert für die Hausübung ist.

Damit es wirklich wach und munter ist kann helfen: Hampelmann, Seilspringen, hüpfen etc.

Literaturquellen: