Ist das mühsame Erlernen einer Schulausgangsschrift für Kinder noch zeitgemäß?

Dieser Blogartikel stellt die Schulausgangsschrift in Frage und befasst sich damit, ob das Erlernen einer individuellen Handschrift, durch das Einführen einer Grundschrift nicht viel sinnvoller wäre.

Vor kurzem habe ich eine Fortbildung zum Thema Schreibprobleme bei Kindern besucht und es hat sich klar heraus kristallisiert, dass die meisten Schwierigkeiten beim Schreiben (wenn ein Schreibproblem besteht, ohne zusätzliche globale kognitive Schwierigkeiten oder Wahrnehmungsthematiken) dann entstehen, wenn die Kinder die verbundene Schrift erlernen müssen.

Die verbundene Schrift, wie sie österreichische Kinder lernen, ist nicht mehr zeitgemäß. Seit Jahren schon herrschen Diskussionen, ob die Ausgangsschrift nicht abgeschafft werden soll und stattdessen eine Grundschrift sinnvoller wäre. Aktuell ist mir nichts bekannt, dass diese Diskussion auch in das österreichische Schulsystem vorgedrungen ist. Geschweige denn, was reformiert wurde, was mich bei uns jetzt auch nicht so wirklich wundert…

Die Grundschrift, welche eine Mischung von Druck- und Schreibschrift ist, wo Buchstaben individuell verbunden werden, wäre viel ergonomischer. Kinder lernen hierbei im ersten Schritt eine Art Druckschrift und im zweiten Schritt, wenn diese gut sitzt, wie sie die Buchstaben verbinden können. Die Form der Verbindung ist hierbei individuell.

Zum vertiefenden Lesen

Das Kind lernt in Österreich eine Druckschrift – die für manche Kinder bereits sehr mühsam ist. Danach eine völlig neue verbundene Ausgangsschrift, um am Ende, sowieso eine individuelle Handschrift zu entwickeln– die auch Erwachsene haben.

Ziel laut Lehrplan in vielen Ländern, wie z.B. in Deutschland ist übrigens, dass das Kind eine individuelle Handschrift entwickelt. Auch in Österreich ist es laut Lehrplan festgehalten, dass das Kind in der 3.Klasse Volksschule eine individuelle Schrift einsetzen kann. Warum Kinder in unseren Volksschulen diesbezüglich nicht mehr gefördert werden, ist für mich nach der Anfangs erwähnten Fortbildung nicht mehr nachvollziehbar. Weil das wissen auch ganz viele nicht. Und dass der Lehrplan in Österreich immer noch die Ausgangsschrift vorsieht, ist für mich unlogisch. Es ist kein Vorteil für diese Schrift erkennbar. Erwachsene schreiben kaum in einer verbundenen Schrift, sondern meist in einer Mischform, wo nach maximal 2-3 Buchstaben abgesetzt wird – sogenannte „Luftsprünge“ gemacht werden. Welcher Erwachsene schreibt noch genauso in der typischen Schulschrift? Ich persönlich kenne niemanden – außer vielleicht meinen Bruder, der, wie es der Zufall so will, Deutschlehrer wird 😉 .

Ich hoffe sehr,  dass die Schulschrift bald reformiert wird. Die Schweizer haben es schon 2016 vorgemacht. Dort lernen die Kinder nur eine Schrift, nämlich die sogenannte Grund bzw. Basisschrift. (Erklärung weiter unten).

Wenn ein Kind zu mir in die Ergotherapie kommt, das große Schwierigkeiten mit der verbundenen Schrift hat, wäre es für alle Beteiligten einfacher, nicht ausschließlich das Kind passend für die Schrift zu machen, sondern die Schrift an das Kind anzupassen. In Absprache mit den jeweiligen Pädagogen ist dies immer wieder möglich. Wobei ich überzeugt bin, dass es weit mehr Kinder gibt, die Schwierigkeiten mit der Verbundschrift haben, als in der Ergotherapie behandelt werden. Wenn gleich im Vorhinein eine Grundschrift eingeführt wäre, bin ich davon überzeugt, würde sich vieles zum Positiven verändern – von einer Zeitersparnis abgesehen…

Was passiert beim Schreiben?

Schreiben setzt sich aus einem Zusammenspiel von sehr feinen gesteuerten Bewegungen aus Finger, Hand und Arm zusammen. Dazu kommt noch die Kognition und die Sprache.

Beim Umsteigen von der Druckschrift auf die verbundene Schrift, vor allem wenn sich das Tempo und die Textmenge steigert, treten Schwierigkeiten auf. Manche haben auch schon zu Beginn Probleme, beim Erlernen des Schreibens.

Bei vielen Kindern ist beobachtbar, dass auch noch ganz viele Rechtschreibfehler auftreten, wenn sie Schwierigkeiten bei der Verbundschrift haben, da sie sich viel mehr auf die Motorik konzentrieren müssen, statt auf das was sie eigentlich schreiben. Wenn es dann heißt, das Kind macht so viele Fehler oder weiß nicht was es abgeschrieben hat, darf das nicht verwundern. Denn der motorische Schreibprozess bedeutet für viele Kinder einen enormen Energie und Kraftaufwand. Es sollte im Hinterkopf behalten werden, dass als Ursache von Rechtschreibfehler Zusammenhänge mit einem mangelnden automatisierten Schreibprozess bestehen können.

Motorik ist ein Bereich den man durch regelmäßiges Üben verbessern kann, wobei ich die Sinnhaftigkeit immer wieder in Frage stelle. Oft erwartet das Umfeld von der Ergotherapie, dass wir das Kind auf die Ausgangsschrift hin trainieren sollen. Gleich eine individuelle Handschrift zu erarbeiten ist in vielen Fällen der viel schlüssigere Weg.

Die Schrift soll natürlich lesbar sein, keine Frage. Die Bewertung SCHÖN sollte übrigens aus dem Vokabular gestrichen werden – denn das ist subjektiv.

Je besser die Schreibmotorik ausgebildet ist, desto besser verläuft auch die Sprachproduktion. Deswegen benötigen viele Kinder die Schwierigkeiten mit der Schreib – Feinmotorik haben, häufig auch eine logopädische Behandlung.

Was unterscheidet die Druckschrift von der verbunden Schrift und warum ist die Druckschrift in der Regel einfacher?

Die Druckschrift setzt sich aus Einzelstrichen (gerade, gebogen, schräg) zusammen, welche die Grundformen der Schrift sind. Durch die Schreibunterbrechung hat das Kind viel mehr die Möglichkeit zu überlegen, wie denn der nächste Buchstabe geschrieben wird. Auch die Hand- und Fingermuskulatur kann sich entspannen.

Bei der verbundenen Schrift ist es so, dass das Kind viel mehr planen muss, wie der nächste Buchstabe geschrieben wird und wo und wie der nächste Buchstabe angehängt wird und wie die  Form aussehen soll. Auch die Strichführung muss angepasst werden (die vorausschauende Bewegungsplanung ist z.B. auch beim Durchfahren eines Labyrinths erforderlich).

Zuerst einzelne Buchstaben zu erlernen ist von daher sehr logisch und sinnvoll. Das Erlernen der verbundenen Schrift -wo die Buchstaben wieder anders aussehen, kostet nicht nur Unterrichtszeit, sondern ist für einige Kinder ein enormes Unterfangen. Verkrampfende Finger, Rechtschreibfehler, Unlust sind nur einige der Symptome, die viele Kinder haben wenn sie nur an das Schreiben denken.

Manche Kinder vergessen auch die mühsam erlernten Buchstaben der Druckschrift, vermischen beide Schriften, weil sie die unterschiedlichen Formen gar nicht merken können, schreiben Kisch und Pauli in ihrem Buch: „Schreibstörungen bei Kindern erkennen und behandeln, Andrea Kisch, Sabine Pauli

Wie schreiben Erwachsene?

Häufig schreiben Erwachsene viele Buchstaben in der Druckschrift und machen ergonomische „Luftsprünge“ nach ca. 2-3 Buchstaben. Diese Unterbrechungen ergeben sich aus dem Schreibrhythmus. Dadurch kann sich die Hand zwischendurch entspannen. Viele Jugendliche und Erwachsene haben dadurch individuelle Lösungen gefunden. Sie schreiben ergonomisch und flüssig, über viele Seiten, lesbar und entspannt. Erwachsene entwickeln also unabhängig der gelernten verbundenen Schrift, eine individuelle Handschrift, schreiben Kisch und Pauli weiters.

Für mich ist es utopisch und unökonomisch, dass Schulkinder also eine einheitliche Schulausgangsschrift lernen müssen, wenn sie später in ihrem Leben sowieso individuell schreiben.

„Die Trennung von dem Erlernen einer Druckschrift und der späteren Einführung einer verbundenen Schrift stammt noch aus der Zeit, als lesen und schreiben als nicht direkt zusammengehörig angesehen und deshalb unabhängig voneinander unterrichtet wurde.“

Aus: „Schreibstörungen bei Kindern erkennen und behandeln“,  S.110.

Schreiben und lesen ist mittlerweile als Einheit zu betrachten. Mir gefällt der Gedanke, Kinder viel mehr darin zu unterstützen, dass sie in der Schule lernen, wie sie die einzelnen Buchstaben anbinden können und selber aktiv Lösungen dafür finden.

So wie die Grundschrift in Deutschland: https://grundschulverband.de/ oder eben die Basisschrift wie sie die Schweizer eingeführt haben.

Was ist jetzt eigentlich die Basisschrift – die die Schweizer haben?

„Die Buchstabenformen der «Deutschschweizer Basisschrift» sind schlanker und zügiger zu schreiben als die frühere Druckschrift. Sie werden in der 1. Klasse unverbunden gelernt und allmählich teilweise verbunden. Verbindungen werden von den Schülerinnen und Schülern individuell dort gesetzt, wo sie die Geläufigkeit der Schrift unterstützen und die Leserlichkeit nicht einschränken. Damit sollen ungünstige Bewegungsabläufe mit vielen Richtungsänderungen, die bei den Kindern zu Verspannungen führen, vermieden werden. Die Lehrperson gestaltet den nach wie vor notwendigen Trainingsprozess, damit die Schriftabläufe möglichst früh automatisiert sind – denn Forschungsbefunde zeigen, dass eine automatisierte Schrift eine von mehreren Grundfertigkeiten ist, damit die Planung, Umsetzung und Überarbeitung von Texten gut gelingt. Weiter unterstützt die Lehrperson den individuellen Entwicklungsprozess, damit die Kinder ihre persönliche, leserliche und geläufige Handschrift finden und mit Freude pflegen.“

Aus https://www.basisschrift.ch/allgemeine-hinweise

Für mich klingt das Schweizer Vorgehen oder die des Grundschulverbandes in Deutschland (denn manche deutsche Bundesländer machen das bereits) nicht nur ergonomischer, sondern logischer und vor allem den neuesten Forschungen entsprechend.

Womöglich wird es in Österreich (wieder mal 😉 ) länger dauern bis ein Umdenken stattfindet. Aber ich bin zuversichtlich, dass sich die Ausgangsschrift ebenso in die Richtung einer Grund-Basisschrift entwickeln wird.