Wie helfe ich dem Kind mit seinen Gefühlen im Alltag?

Der folgende Blogartikel richtet sich an alle, deren Kinder dazu neigen, schnell frustriert zu sein und ÜBERDURCHSCHNITTLICH viele Wutanfälle haben. Sei es, wenn etwas nicht klappt, wenn sich etwas in einem Ablauf ändert, das Kind nicht verlieren kann, es etwas nicht machen will, weil es keine Lust dazu hat…

Der Artikel ist aber auch für Eltern interessant, deren Kinder generell Schwierigkeiten haben, Gefühle zu spüren und zu benennen, z.B. nicht gerne weinen… Du findest neben einer Gefühls- und Bedürfnisliste als PDF (für ältere Kinder ab 5,6 Jahre geeignet) auch Buchempfehlungen zum Thema Wut und Emotionen.

Der Artikel ersetzt natürlich keine individuelle therapeutische Begleitung – sei es von Psychologen oder im Zuge der Ergotherapie, wenn ernsthafte Probleme dahinter stecken!

In der Ergotherapie erlebe ich es oft, dass mir Eltern berichten, dass es zuhause im täglichen Leben oft zu Konflikten kommt, wenn fremdbestimmte Handlungen vom Kind erwartet werden. Wie zum Beispiel: Hausübung machen, aufräumen, Zähneputzen, Händewaschen, Fernseher ausschalten, zu Bett gehen etc.

Doch nicht nur bei Handlungen, die das Kind gerade nicht machen möchte, sondern auch, wenn sich im Ablauf etwas ändert und noch vielen anderen individuellen Gründen wie Überreizung, Müdigkeit, Streit, Schmerz etc. Oder ernsthafte Probleme wie eine Wahrnehmungsstörung die dahinter steckt uvm. – hier benötigt es professionelle Unterstützung!

Ich beobachte auch des öfteren, dass sich das Kind nicht auf Veränderung einstellen kann (kognitive Flexibilität) und statt sich selbst zu regulieren und mit der veränderten Situation umzugehen, flippt das Kind aus, wird wütend, schreit, schimpft, weint, etc. Beispiel: Zum Essen gibt es doch nicht die Lieblingsspeise, es kann doch nicht die Freundin besuchen, weil sie abgesagt hat, oder die Hausübung ist mehr als gedacht etc.

Überlege mal für dich als Elternteil, bei welchen Situationen es zu Wutausbrüchen kommt?

Kinder, die zu Wutanfällen neigen, können sich selbst nicht regulieren und äußern alles ungehemmt. Sie spüren so viel und nehmen alles einfach ungefiltert auf.

Diese Nuancen und Abstufungen dazwischen sind für diese Kinder sehr schwierig wahrzunehmen und zu spüren. Manchmal fehlt auch der Körperbezug. Das Gefühl zu äußern, ist ebenfalls sehr schwierig. Und da brauchen sie Begleitung vom Erwachsenen der gelassen bleibt und sie dabei führt. Je älter das Kind und desto reifer wird natürlich auch das Gehirn und Kinder sind immer mehr in der Lage, ihre Gefühle entsprechend zu regulieren, wenn etwas nicht nach ihren Erwartungen läuft (es wird etwas kaputt, jemand hat ihr Spiel weggenommen etc.).

Frustrationstoleranz

Grundsätzlich haben Kleinkinder eine niedrige Frustrationstoleranz und ist völlig natürlich und entwickelt sich mit der Reife des Gehirns. Je älter das Kind, desto mehr lernen sie, dass sie ihr Gefühl „steuern“ und spüren, was es gerade braucht. Ist es Ruhe? Ist es Bewegung? Oder doch einfach kuscheln mit Mama und Papa? Manche Kinder benötigen allerdings mehr Hilfestellung als andere!

Hier ein paar Beispiele von niedriger Frustrationstoleranz bei Vorschul- und Schulkindern:

  • Starke Reaktion auf Ablehnung eines Wunsches
  • Nicht-Warten-Können
  • Starke Gefühlsausbrüche, wenn man auf Regeln hinweist oder das Kind beim Spiel verliert
  • Vorzeitiges Aufgeben, wenn etwas nicht sofort klappt.
  • Hausaufgaben  oder Aufgaben die unangenehm scheinen oder mit Misserfolg in Verbindung stehen werden aufgeschoben, gemieden oder es wird diskutiert bis hin zu Wutausbrüchen
  • Übermäßig starke Reaktion auf subjektiv empfundene Ungerechtigkeiten
  • Konflikte mit Gleichaltrigen: schnell übermäßig verärgert sein, wütend oder beleidigt reagieren

Gefühls- und Bedürfnisliste als Hilfe im Alltag

Im Anhang kannst du dir eine PDF runterladen wo anhand von Bildern auf der linken Seite alle Gefühlsregungen abgebildet sind. Auf der rechten Spalte sind Bilder die zeigen, was es brauchen könnte. Die Liste besteht nicht nur aus den Hauptgefühlen wie WUT, TRAURIGKEIT, FREUDE, SCHAM, ANGST… sondern auch aus Abstufungen in der Farbe Blau wie Müdigkeit, Langeweile und Ungeduld, da ich es einfacher finde, zu differenzieren. Vor allem steckt bei Kindern oft Müdigkeit oder auch Langeweile hinter ihrem Gefühl.

Das Gefühl der Scham ist in der Farbe dunkelrot dargestellt, da es aus meiner Erfahrung nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Erwachsenen eines der unangenehmsten Gefühle ist, die man fühlen kann. Ich finde, über dieses Gefühl wird viel zu wenig mit Kindern gesprochen.

Gefühle im Alltag zu begleiten kann eine Möglichkeit sein, dem Kind noch mehr das Gefühl zu geben: „Ich sehe dich“, „Ich nehme dich ernst“. Also zum Beispiel sagen, wenn das Kind gerade frustriert ist. „Ich merke du bist gerade sehr verärgert und frustriert“. „Ich verstehe das“. „Was brauchst du jetzt“… Je nach Situation das Kind begleiten. Kinder brauchen oft vom Erwachsenen den Spiegel vorgehalten, damit sie verstehen, was in ihnen vorgeht.

Wie kannst du diese Gefühlsliste/Ich brauche Liste einsetzen?

Hier gehts zur:  Gefühls- und Bedürfnisliste

Ich fühle…. Ich bin…

Je älter das Kind ist, desto besser lässt sich das Thema direkt besprechen:

Fragen an das Kind:

  • Schau mal, ich habe da eine Gefühlsliste und eine Liste von Bedürfnissen die sich oft hinter Gefühlen verstecken. Wenn ein Baby zum Beispiel schreit, steckt hinter dem Schreien ein Bedürfnis, dass es hungrig ist, ihm etwas weh tut etc.
  • Zuerst schauen wir uns aber die Gefühle an.
  • Welche Hauptgefühle kennst du denn? Das Kind zählt auf. Weiter fragen: Was kennst du noch? Hinweise geben: Wie nennt man das Gefühl, wenn jemand weint? Welches Gefühl steckt dahinter, wenn sich jemand fürchtet? Lenke das Kind durch deine Frage auf die Gefühle die auf der Liste sind. Je mehr vom Kind kommt, desto besser. Die „Fragen statt Sagen Methode“ ist wunderbar, weil je mehr das Kind von sich aus auf die Antworten kommt, desto besser prägt sich das im Gehirn des Kindes ein.
  • Zeige dem Kind nun die vorgefertigte Spalte mit den Gefühlen (die andere abdecken).
  • Bespreche mit dem Kind, dass sich die Gefühle in Form von Ampelfarben einteilen lassen (dass siehst du anhand der Schriftfarbe).
  • grünen: glücklich
  • gelb: traurig
  • orange: ängstlich
  • hellrot: wütend-frustriert
  • dunkelrot: beschämt
  • Gefühl der Scham: das Kind fragen: Weißt du was das bedeutet? Wann fühlt man sich oft beschämt? Kennst du das auch? Erklären, dass man sich bei Scham am liebsten verstecken will…
  • Du kannst besprechen, dass es Abstufung gibt, was Gefühle betrifft und sich verändern: im grünen Bereich ist alles wunderbar, im gelben Bereich fängt es an, dass man sich nicht mehr ganz so gut fühlt (aber es ist noch nicht so tragisch), im orangen Bereich wird es schon schlimmer und es kommen Ängste und Traurigkeit auf, dies steigert sich im roten Bereich und man ist wütend und frustriert.
  • Gehe jedes Gefühl durch und lass das Kind benennen. Lass das Kind erzählen, wo es das jeweilige Gefühl von sich kennt und finde Beispiele!
  • Wenn das Kind nicht gerne weint vor anderen, ebenfalls drüber sprechen über das Gefühl der Traurigkeit, dass es ok ist, zu weinen. Dem Kind die Möglichkeit geben, dass es sich den Raum nimmt und weint, wo es ungestört sein kann. Wichtig, keinen Druck ausüben, wenn das Kind Weinen gerne unterdrückt!

 Ich brauche… Mir hilft…

Decke nun die linke Spalte ab und erkläre dem Kind, das hinter den Gefühlen meist Bedürfnisse (so etwas wie ein Wunsch) stecken. Zum Beispiel das Bedürfnis nach Nähe, Rückzug, Bewegung, Trost etc. Dieses Bedürfnis zu erkennen, kann anfangs sehr herausfordernd sein, daher ist das Kind auf einen Erwachsenen angewiesen, der ihm zeigt, wie er sich regulieren kann. Man kann es sich so vorstellen, dass wir Menschen einen Motor haben, der uns antreibt. Mal läuft er schneller und hochtourig, oder langsam und sehr ruhig – oder ganz mittig läuft. Hat das Kind einen Wutanfall – läuft der Motor im roten Bereich, also übertourig, aufgrund von auslösenden Stresssoren die emotional, umweltbedingt (zu viele Reize), körperlich bedingt etc. sind. Nicht immer schaffen das Kinder, dies selbst zu erkennen und vor allem sich vorher schon zu regulieren, dass es nicht zu einer Gefühlsexplosion kommt. Hier braucht es den Erwachsenen, der die Anzeichen erkennt und das Kind begleitet.

  • Gehe nun genauso vor und stelle Fragen, sodass das Kind auf die Bedürfnisse kommt.
  • Beispiel: Weißt du noch, als du bei der Hausübung so ausgeflippt bist? Was hat sich dahinter verbirgt? Ich habe dir dann geholfen. Du wolltest Hilfe und Zuspruch. Wenn ein Baby weint, hast du eine Idee, was es in dem Moment brauche könnte? (Milch, Wärme etc.).
  • Für Kinder, die schnell ausflippen, kann das Bedürfnisthema abstrakt sein. Biete da wenn nötig genügend Hilfestellung um sie an dieses Thema heranzuführen – oftmals ist es auch ein Ausprobieren und einmal kann das helfen und ein anderes mal das. Und hin und wieder hilft einfach gar nichts – außer sein lassen und Schokolade für die Nerven der Eltern, auch das kommt vor 😉 .
  • Manchmal sind es auch nicht externe Dinge, die das Kind braucht, sondern dass es in dem Moment einfach spürt, dass es wertvoll ist. Eine „Stärkendusche“. Das kann sein, dass man dem Kind auf die Sprünge hilft und sagt, hey, lass uns 10 Dinge finden, die du gut kannst!
  • Ein Feld ist freigelassen für eigene Ideen!

Erzähle dem Kind, dass die Liste dazu dient, dass es seine verschiedenen Gefühlsregungen besser spüren und benennen kann, damit es nicht mehr bei Kleinigkeiten ausflippt. Sag ihm, dass diese Gefühlsliste wie ein Trick ist, dass ihm das Spüren von Gefühlen erleichtert.

Das Kind ist ok so wie es ist, nur das Verhalten ist problematisch wenn es ständig vorkommt

Bespreche mit dem Kind, dass das Verhalten nicht ok für das Umfeld ist, wenn es dauernd einen Wutanfall bekommt.

Mache dem Kind deutlich, dass es rein das Verhalten ist, und nicht das Kind!!! Zeige dem Kind, dass es geliebt wird – auch wenn es die Wutanfälle hat. Und trotzdem kannst du mit dem Kind besprechen, dass es einfach das Verhalten ist, welches Anspannung, schlechte Laune oder ähnliches beim Umfeld verursacht. Und, dass es auch für das Kind selbst nicht gesund ist. Je älter das Kind, desto besser lässt sich das erklären! Ab 6 Jahre in etwa, beginnen Kinder, dass sie andere Perspektiven einnehmen und sich in die Lage des anderen hineinversetzen können.

Was ist der Vorteil, wenn es seine Gefühle besser reguliert?

Lass in dem Kind ein Bild entstehen was der Vorteil ist, wenn es seine Gefühle besser steuern kann:

  • Wie geht es dir dann?
  • Wie geht es deinem Umfeld (Eltern)
  • Wie fühlt sich das an, wenn die Stimmung entspannt ist?
  • Was können wir stattdessen dann alles machen? Mehr Zeit für Quality Time, zum Spielen, kuscheln, Freunde wollen dann mehr Zeit mit dir verbringen, wenn du nicht mehr ausflippst wenn du verlierst… je schneller du die Hausübung erledigst, desto mehr Zeit für Spielen etc.
  • Lass in dem Kind ein Bild entstehen, was es durch das neue regulative Verhalten alles „gewinnt“! Dieser Teil ist unglaublich förderlich, damit das Kind motiviert dranbleibt!

Anmerkung:

Es geht nicht darum, dass das Kind nicht wütend sein darf! Dieses Gefühl gehört wie alle positiven Gefühle zum Menschsein. Doch wenn das Kind nicht nur hin und wieder mal einen Wutanfall hat (was völlig normal wäre), sondern gehäuft und überdurchschnittlich viel, kann es das Alltagsleben einfach beeinträchtigen. Wenn ein anderer in Mitleidenschaft gezogen wird, hat das einfach eine Grenze und ist nicht ok.

Es kann schnell passieren, dass sich andere Kind abwenden, wenn ein Kind Wutanfälle in der Schule bekommt, oder beim Spiel mit anderen.

Es geht darum, dass das Kind diese Nuancen spürt und in Folge dessen erkennt und fühlt, was es eigentlich braucht in dem Moment. Zeige dem Kind deine Liebe und vermittle ein verstehendes Verhalten deinerseits.

Zum Beispiel: Ich verstehe dich… du bist jetzt wütend, weil du Hausübung machen musst. Erzähl mir doch, was eigentlich los ist! Zeige mir, wieviel Hausübung hast du denn? Willst du sie gleich machen oder in einer Stunde? Wenn du mich brauchst, ich bin da. Lass uns doch mal schauen, wie viel es ist. Wie könntest du vorgehen? Usw.

Stelle Fragen und vermittle, dass du da bist! Führe das Kind Schritt für Schritt dahin, dass es die Gefühle selbst reguliert, so dass es nicht automatisch immer zu einer Gefühlsexplosion kommt.

Diese Gefühlsliste ist nicht das Nonplusultra und die Lösung für sofortige Veränderung! Es kann der erste Schritt sein, um Gefühle zu thematisieren und dass das Kind erkennt, dass es kein Weltuntergang ist, wenn es verliert, oder wenn sich im Ablauf was verändert. Es wird zunehmend lernen, dass es selbst die Zügel in der Hand hat, wie es auf äußere Umstände reagieren kann und vor allem die innere Stärke (Resilienz) hat, dass es damit adäquater umgehen kann.

Anwendung der Gefühlsliste:

Hänge gemeinsam mit deinem Kind die Gefühlsliste auf und besprecht sie zu Beginn täglich vorm Schlafengehen, wie tagsüber die Stimmung war. Wo würde das Kind sich einteilen, wie es sich heute gefühlt hat? Gefühle sind nicht starr, sondern wandeln sich! Eine weitere Möglichkeit ist, dass das Kind morgens, nachmittags und abends bewusst in sich hineinfühlt und ein Wäscheklupperl am richtigen Gefühl anbringt um in sich hinein zu spüren!

Dieses Ritual dient so lange, bist es eingeschleift ist! Es ist ein externer visueller Anker, der als Unterstützung dient. Es sollte kein starres System sein. Du kannst auch gerne mit deinem Kind ein eigenes System finden und eigene Benennungen! Vorwiegend dient die Liste als Inspiration und es besteht nicht der Anspruch auf Vollständigkeit. Es kann gerne eine eigene und individuelle Liste für das Kind hergestellt werden!

Bilderbuchempfehlungen für Kinder ab 5 Jahre: (auch für ältere Kinder meiner Meinung nach geeignet

HIER: Ich und meine Gefühle

HIER: Wohin mit meiner Wut

Hier noch ein Ratgeber für Eltern: „So viel Freude, so viel Wut“ von Nora Imlau: HIER

Noch ein TIPP:  Hinterfrage dein eigenes Verhalten und deine Gefühle. Flippst du selber auch leicht aus? Wie steht es um deine Frustrationstoleranz? Kinder ahmen gerne unser Verhalten nach…

Anmerkung: Der Blogartikel ersetzt keine ärztliche, psychologische oder therapeutische Hilfe!

Bei Fragen melde dich gerne an: praxis@ergo-life.at

Alles Liebe, Christina