Was tun in der Schule bei „Zappelphilipp“ und mit Kindern die Schwierigkeiten mit der Aufmerksamkeit und im Verhalten haben?

Vielfach hört man von Lehrer oder Pädagogen in Kindergärten, das Kind benötigt Ergotherapie, denn es kann nicht ruhig sitzen und zappelt so viel herum, es hört nicht zu und ist auffällig im Verhalten.

Zunächst mal zum Zappeln:

Zappeln ist grundsätzlich gesehen nichts schlechtes, denn die Formatio Reticularis im Gehirn (Neuronennetzwerk im Hirnstamm) bekommt durch das Zappeln Rückmeldung vom Körper und das Gehirn weiß somit wieder, wo es sich im Raum befindet. Die Kinder die vermehrt zappeln, holen sich vestibuläre Reize, damit sie wissen, wo ihr Körper sich gerade befindet. Gerade wenn sie untererregt sind, fangen sie vermehrt an zu zappeln. Zappeln ist also nichts unnatürliches und grundsätzlich eine logische Reaktion. Wenn es allerdings ausartet und es das Kind  überhaupt nicht schafft, mal nicht zu zappeln, dann ist das oft ein Grund in die Ergotherapie zu kommen und mit dem Kind daran zu arbeiten, was es braucht, damit es dies besser steuern kann.

Meiner Meinung nach, sollten wir uns aber davon verabschieden, dass Kinder ruhig am Sessel sitzen sollen. Ich verstehe Lehrer, wenn es ruhig ist und die Kinder arbeiten ist das super. Ich war selbst Pädagogin im Kindergarten und Hort und weiß wie es ist, wenn 20 Kinder im Raum sind und von Stille keine Spur ist.

Jedoch müsste sich die physische Umwelt wie es zum Beispiel im Unterricht gefordert ist, sich endlich dem natürlichen Bewegungsdrang anpassen.
Denn es liegt in der Natur des Menschen, dass wir Bewegung und dann wieder Ruhe benötigen, wo konzentriertes Arbeiten möglich ist. Und auch was das Sitzen betrifft, ist der Wechsel vom Aufrechten Sitz (für 15 Minuten) und dann wieder ein dynamisches Sitzen (wo man sich etwas hin und her bewegt) optimal für die Gesundheit.

Wenn einfach zwei Sportunterrichtsstunden mehr eingebaut werden in den Stundenplan, sprechen wir nicht von bewegtem Unterricht.

Bewegter Unterricht, wie du auch in den Youtube Video sehen kannst (Link am Ende des Artikels) wäre, dass Phasen von Bewegung und dann wieder Phasen von Stille und Konzentriertes Arbeiten eingebaut wird. Und das im Wechselspiel:

Möglichkeiten für unruhige Kinder:

  • Steharbeitsplätze zur Verfügung stellen
  • Möglichkeiten schaffen, wo in Bauchlage gearbeitet werden darf
  • Mobiliar das dynamisch ist zur Verfügung stellen
  • Einmal pro Stunde hat das Kind die Möglichkeit 3 Minuten lang eine Aufpassübung zu machen (ein Beispiel wird unten angeführt)
  • Möglichkeiten für dynamisches Sitzen schaffen: Ein paar Balancekissen zur Verfügung stellen (das ist eine wackelige Sitzunterlage), Peziball etc.
  • Pedalgestelle für Füße, eventuell 2, 3 Standfahrräder anschaffen
  • Theraband an den Füßen des Sessels spannen, besonders für unruhige Kinder super

Kinder, die besonders mit der Aufmerksamkeit/Verhalten Schwierigkeiten haben, vielleicht sogar AD(H)S haben, sollten unbedingt frontal zum Unterrichtsgeschehen sitzen, möglichst reizarm, eventuell Fenster/Türen im Rücken des Kindes.

Ich gehe davon aus, das Lehrer, Lehrer werden, weil sie Kinder lieben und gerne mit ihnen Zeit verbringen. Daher sollte das auch so oft wie möglich gezeigt werden in der Mimik und mit Worten. Face to Face ist besonders für Kinder wichtig, die im Verhalten auffällig sind und unaufmerksam sind. Genau die brauchen das Gefühl, dass sie vom Lehrer gemocht werden. Solche Kinder verunsichert es enorm, wenn ein Lehrer keine Mimik zeigt. So oft wie möglich Wertschätzung zeigen/Ich mag dich, ist für diese Kinder sehr hilfreich.

Typische „Fehler“ die vermieden werden sollten

Keine ironischen oder sarkastischen Antworten geben, diese Kinder verstehen sowas nicht.

Wenn ein Kind Auffälligkeiten im Verhalten hat, könnte man jetzt mit dem Finger auf die Familie zeigen: „Eh klar… bei dem Elternhaus ist es ja kein Wunder.“ Man könnte jetzt die ganze Energie damit verschwenden, auf die Eltern sauer zu sein und sich aufzuregen… wo man aber nichts verändern kann und das auch nicht zur Aufgabe eines Lehrers gehört. Da verschwendet man nur unnötige Energie und macht eine Sache zu unserem Problem, obwohl es nicht unser Problem ist.

Immer wieder erlebe ich, wo Pädagogen sich in der Elternarbeit ausbrennen, weil sie sich so sehr wünschen, dass Eltern sich verändern. Leider kann man aber keinen anderen verändern, wenn der nicht von sich aus bereit dazu ist.

In der Ergotherapie allerdings, ist es so, dass der Hauptklient das Kind ist und die Nebenklienten die Eltern sind, wo also im Elterntraining sehr wohl darauf eingegangen wird, dass sie aktiv mitarbeiten müssen, wenn sie wollen, dass sich etwas verbessert.

Man könnte jetzt auch verzweifelt nach einer Diagnose suchen wie AD(H)S und der Störung der Schuld geben. Natürlich ist es äußerst sinnvoll, sich Wissen anzueignen. Aber das wird die Situation im Klassenzimmer per se nicht verändern.

Du hast es in der Hand und kannst aktiv etwas verändern

Was wir allerdings verändern können, ist uns selbst. Wir können einen bewegten Unterricht schaffen, wir können unser Bild vom Kind hinterfragen, wir können Fortbildungen zu verhaltensauffälligen Kindern absolvieren und wir können auf uns selber achten, dass es uns gut geht. Wir können beginnen, das Kind zu loben, wenn es etwas toll macht, was ihm sonst vielleicht schwer fällt, statt immer nur auf das Negative achten. Wir können echtes Interesse für das Kind zeigen. Wir können einfach mal loslassen, dass wir immer die Kontrolle haben müssen und es still sein muss. Wir können Aufträge klarer formulieren und Aufforderungen wirksamer stellen, nämlich kurz und klar. Wir können bei einem Problemverhalten sofort sachlich (ohne emotional zu werden) und konsequent reagieren.

Wir können uns mit Kollegen austauschen, wenn jemand Erfahrungen mit solchen Kindern hat. Wir können Selbstfürsorge in unser Leben kultivieren und gut für uns sorgen. Wir können eine angenehme Atmosphäre im Unterricht schaffen, dass für uns und alle Beteiligten gut ist, in Form von Blumen, Kerzen, was Persönliches auf unseren Schreibtisch stellen etc.

Ich habe übrigens die Erfahrung gemacht, dass wenn ich ruhig und entspannt bin, sich das auf die Kinder überträgt. Wenn ich hektisch war, vieles im Kopf hatte, unrund war, dann haben das die Kinder sofort gespürt und es war laut und ich musste viel schimpfen etc.

Wenn ich aber wirklich losgelassen habe, auch meine Kontrolle (wie es zu sein hat) und entspannt war, dann ging es mir so viel leichter von der Hand.

Und das Wichtigste zum Schluss, Humor, Gelassenheit und keine Perfektion von sich und anderen erwarten.

Im folgenden gebe ich noch ein paar hilfreiche Tipps:

(in Anlehnung an das Wunstorfer Konzept)

Tipps für den Unterrichtsbeginn:

  • Zentrierungsübung: Hierbei lernt das Kind zu warten und sich zu hemmen (Impulskontrolle), sich aufzurichten, sich zu dehnen und sich durch äußere Reize nicht ablenken zu lassen. Sie sind sehr effektiv wenn sie als Ritual vor jedem Stundenbeginn eingesetzt werden.

Wichtig ist, das Kind muss Blickkontakt halten und still sein. Das Kind stellt einen Fuß auf die Sesselfläche, der andere steht am Boden. Währenddessen wird eine Triangel oder eine Klangschale vom Lehrer angeschlagen. Das Kind steht solange still, bis der Ton verklungen sind. Diese Übung ist super, dass die Kinder fokussiert sind und dir gut zuhören können.

  • Signalkarten einsetzen: Mit Signalkarten ist gemeint, dass ein Ohr, Auge und Mund auf einer Karte oder einzeln abgebildet sind. Wenn zum Beispiel eine wichtige Mitteilung kommt, wo der Lehrer will, dass alle Kinder mit der Aufmerksamkeit dabei sind, kann er das ankündigen, die Karte hochhalten und sagen: Jetzt kommt eine wichtige Mitteilung. Gerade unaufmerksame Kinder benötigen anfangs eine gute Führung, weil sie nicht gut unterscheiden können, wann müssen sie wirklich absolut gut zuhören weil eine wichtige Information kommt. Durch den visuellen Anreiz reagieren Kinder sehr gut. Oder wenn ich weiß, da ist ein Kind in der Klasse, das Schwierigkeiten hat, dann genügt oft eine leichte Berührung an der Schulter, damit es wieder zentriert ist. Das einzuschleifen und zu wiederholen, kann sehr hilfreich sein!
  • Die richtigen Anweisungen geben: Angenommen zwei Kinder tratschen ständig. Statt zu sagen: Hört endlich auf zu quatschen, könntest du sagen: Ich möchte dass ihr zuhört. Also das Ziel benennen und nicht das aktuelle Verhalten.
  • Aufpassübung: Eine Regel könnte sein, dass jedes Kind einmal in der Stunde die Möglichkeit hat, sich dynamisch zu bewegen. Da Kinder das möglicher weise ausnützen könnten, muss man das einfach limitieren. Kinder, die also gerade untererregt sind, nicht aufpassen, für die ist so eine Übung gedacht. Max. 2-3 Minuten in der Durchführung. Beispiele: Hampelmann, das Kind muss bei jeder richtigen Bewegung leise mitzählen, mit 3 Chiffontücher jonglieren, Seilspringen etc. Diese Übung halten für ca. 20-30 Minuten an, sodass das Kind wieder konzentrierter arbeiten kann. Wenn jetzt die Ausrede kommt, das stört ja voll, kann man sich zeitliche Rahmen schaffen wo dies möglich ist. Und man kann sich fragen, ob die positiven Auswirkungen der eingebauten Aufpassübung nicht so überwiegt, dass ich die gelegentliche Unruhe nicht in Kauf nehme. Und seien wir uns ehrlich, ein wirklich konzentriertes Arbeiten wird dadurch extrem positiv beeinflusst.

Es stellt sich einfach die Frage, was ich mir als Lehrer an Energie einspare, wenn ich statt schimpfen diese kleinen Auszeiten in der Stunde einbaue. Es können alle Beteiligten nur gewinnen. Natürlich sollte das gut eingeführt werden, sodass die Kinder das nicht wahllos ausnützen. Lehrer, die das bereits umsetzen, berichten wie effektiv das ist und sich das bewährt hat.

  • Ein weiterer Tipp zum Abschluss:

Wenn ein Kind nicht aufpasst und sich mit dem konzentrieren schwer tut und zappelt, kann vermieden werden zu sagen, konzentrier dich besser, pass endlich auf… Stattdessen lieber genau sagen, was das Kind tun soll: Hör zu, schau hin… Mit den oben genannten Signalkarten, wo entsprechende Symbole abgebildet sind, ist dies ein noch höhere Aufforderungscharakter für das Kind, damit es sich daran hält.

Wenn dir als Lehrer in der Klasse Kinder besonders auffallen, die Probleme haben mit der:

  • Aufmerksamkeit
  • der Koordination
  • der Frustrationstoleranz
  • dem Lernen
  • dem Schreiben
  • zu schüchtern und unsicher ist
  • oder unangepasst was das soziale Verhalten betrifft
  • viele Fehler macht
  • die Hausübung katastrophal ist,
  • ein Chaos am Tisch herrscht,
  • Aufträge nicht durchführt
  • Arbeitsschritte nicht in sinnvoller Reihe durchführt
  • sehr viel Anleitung braucht
  • eine „Traumsuse“ oder „Hansguck in die Luft ist“
  • oder sehr schnell abgelenkt ist
  • feinmotorische Schwierigkeiten hat
  • koordinative Schwierigkeiten,
  • uvm.

dann würde ich empfehlen, mit den Eltern zu sprechen und auf Ergotherapie hinweisen, wo entsprechend an diesen Problematiken in der Therapie gearbeitet wird.

Youtube Video: Beispiel eines bewegten Unterrichts:

https://www.youtube.com/watch?v=GIbdY9IWqmA

Ich hoffe ich konnte dir ein paar gute Inspirationen geben! Alles Liebe, Christina