Was tun bei Reizüberflutung?

Im folgenden Blogartikel möchte ich darüber schreiben, was du in der Umgebung (ergotherapeutischer Ausdruck wäre hier Umfeld und Umwelt) oder bei dir selbst verändern kannst, wenn du merkst, dass es zu einer Reizüberfltung gekommen ist und einfach zu viele Reize das Kind stressen.

Aber zunächst mal möchte ich klären, was denn Reizüberflutung bedeutet:

Reizüberflutung ist in umgangssprachlichem Gebrauch eine Metapher für einen angenommenen Zustand des Körpers, in dem dieser durch die Sinne so viele Reize gleichzeitig aufnimmt, dass sie nicht mehr verarbeitet werden können und beim Betroffenen zu einer psychischen Überforderung führen. Im medizinischen Kontext ist auch oft von einem Overload die Rede.

Diese Überforderung des (menschlichen) Organismus bzw. Nervensystem durch Sinneseindrücke betrifft die Sinne (Hören, Sehen, Riechen, Schmecken und Tasten) einzeln, in Kombination, für einen kurzen Zeitraum und auch langfristig.

Beispiele für mögliche Auslöser sind:

  • Gehör: Lärm mehrere gleichzeitige akustische Quellen (z. B. Gerede inmitten einer Menschenmenge)
  • Augen: Vielzahl von Farben, blinkende Lichter, schnelle Bewegungen
  • Geruchs- und Geschmackssinn: Reizüberflutung kann auch bei einem bunt gemischten Essen auftreten, das die Geschmacksrichtungen süß, sauer, bitter, salzig zugleich enthält, sodass die Geschmacksrichtungen nicht mehr einzeln empfunden und zugeordnet werden können.

Folgen?

Reizüberflutung führt kurzfristig zu Stress, Hektik, aggressiven Reaktionen und schneller Erschöpfung. Vor allem Schizophrenie aber auch Hochsensible Persönlichkeiten (HSP) sowie von Autismus und Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) Betroffene reagieren dabei besonders stark. Anhaltende Reizüberflutung kann dauerhafte Konzentrationsschwierigkeiten, Realitätsverlust oder Hyperaktivität bewirken und stellt eine mögliche Ursache für Lernschwächen dar. Moderne Lebensweisen, insbesondere die allgegenwärtige Nutzung des Internets und anderer moderner Medien, bringen nach Ansicht mancher eine chronische Reizüberflutung mit sich und führen bei vielen Menschen zu den typischen Störungsbildern. Aus Wikipedia. Hier gehts zur Quelle

Aus meiner bisherigen Erfahrung und Beobachtung können folgende Symptome bei Kinder hinter Reizüberflutung und damit verbundenem Stress stecken. Die Betonung liegt hierbei aber auf KÖNNEN. Denn es können auch viele andere Themen dahinter stecken oder damit korrelieren – daher gilt immer, individuell zu schauen und ggf. professionelle Unterstützung holen (Arzt, Psychologe, Therapeuten).

  • Aggressives Verhalten, vermehrt Wutanfälle – quengeln – Kind ist „lästiger“, sekkiert, ärgert – mehr unrund als sonst
  • spricht sehr laut und will immer alles übertönen
  • Zeigt vermehrt körperliche Symptome wie Bauchweh, Kopfweh
  • Ist sehr überdreht – viel überschießende Energie
  • Weinerlich – ängstlich
  • Unkonzentriertheit
  • Zappelig
  • Kann sich gerade nicht alleine oder mit einer Sache beschäftigt -unkonzentriert, wechselt häufig Spielsituationen
  • Plötzlich (mehr) Einkoten, Einnässen
  • Einschlafschwierigkeiten bzw. Schlafprobleme allgemein
  • Sucht viel deinen Körperkontakt oder verhält sich abweisend
  • Grob zu anderen in Kiga/Schule
  • Eskalationen im Kiga bei Übergänge, Garderobe, WC-Klo, Sitzkreise
  • Viel Körperspannung
  • Überempfindlich – emotional oder auch vom Spüren her
  • Hält sich bei lauten Geräuschen die Ohren zu
  • Sucht förmlich klare Strukturen und Abläufe
  • Das Kind zeigt irgendwelche Verhaltensweisen die völlig neu sind und zuvor nicht aufgetreten sind (macht Mundgeräusche, nestelt mit den Fingern etc.)?
  • und vieles mehr 🙂

Das alles sind wie gesagt eher allgemeine Symptome und man kann nicht von einer Sache sofort auf etwas schließen. Das heißt, die Eigenbeobachtung des Kindes ist hier sehr wichtig und die individuellen Anzeichen sind sehr kostbar!

Ein Problem wird dann zu einem Problem, wenn es störend für das Kind selbst ist, die Eltern oder das Umfeld es als störend wahrnimmt.

Viele Kinder die zu mir in die Ergo kommen, haben ein erhöhtes Reizlevel. Das kann sein, weil wirklich eine sensorische Problematik oder ADHS dahinter steckt oder weil es einfach schneller überreizt ist und möglicherweise mehr sensibel auf Reize reagiert.

Stress kann auch entstehen, wenn er sich von den Eltern aufs Kind überträgt oder es stimmt etwas im Alltag nicht. Es gibt beispielsweise zu viele Termine oder im Kindergarten/Schule/Hort ist es dem Kind zu viel. Oder das Kind ist überhaupt zu lange und zu viel im Kiga/Hort.

Möglicherweise gibt es auch zu wenig oder zu viel Struktur oder einfach zu viele Verpflichtungen und zu wenig Entspannungs – und Ruhephasen etc. Meist summiert es sich und es zählt am Ende das Gesamte, was das Fass zum Überlaufen bringen kann.

Ein wichtiger Punkt ist hier, das Kind genau zu beobachten. Als Elternteil ist man der Experte für die Bedürfnisse. Kennst du allerdings auch deine Bedürfnisse, was du gerade brauchst oder was gerade nicht gut läuft, wirst du das auch bei deinem Kind besser wahrnehmen können.

Was für Möglichkeiten gibt es nun um Reizüberflutung zu minimieren?

Ziel wäre letztendlich, dass du immer mehr erkennst, wie die Frühwarnzeichen aussehen. Das heißt, dass es gar nicht erst eskalieren muss – aber auch hier sei gesagt, wir sind Menschen und man kann nicht immer alles aus dem Weg räumen!

Ich rate in solchen Situationen auch gerne, eine Art Tagebuch zu führen mit Datum und genau notieren wann z.B. wieder diese oder jene Verhaltensweise aufgetreten ist, was davor passiert ist (irgendein Vorfall etc.) und wie du danach gehandelt hast.

Umgebung verändern/Reizreduzierung/Wahrnehmungsschulung

Allgemein:

  • Tagesabläufe genau beobachten und sich fragen ob gerade zu viele Termine sind (auch Besuche etc.)?
  • Gibt es gerade zu viel oder zu wenig Tagesstruktur?
  • Umgebung bewusst reizarm gestalten – einbauen von Pausen – Ruheoasen finden und bewusst einbauen. „Pausentage“ einlegen mit bewusster Reizreduzierung (zuhause bleiben, keine Besuche, keine Medien, keine Musik etc.)
Hören:
  • Keine Musik im Hintergrund laufen lassen
  • In der Schule/Kiga: Noise Cancelling Kopfhörer bei Bedarf verwenden
  • Beobachten ob es zu viele Geräuschquellen zuhause gibt – Beispiel: Sessel/Tischfüße mit Fließ abkleben zum Abdämpfen, Spielkisten mit Stoff auslegen
Sehen:
  • Mit warmen Licht arbeiten – indirektes Licht verwenden. Besonders Abends kann grelles Licht noch mehr überreizen
  • Struktur in der Wohnung schaffen bzw. dort wo sich das Kind am meisten aufhält. Weniger ist mehr. Also wirklich bewusst Spielangebote reduzieren. Somit kann auch Langeweile ihren Raum finden.
  • Fokus auf schöne Dinge lenken, zum Beispiel eine Blume auf den Tisch stellen damit mehr Achtsamkeit ihren Platz hat
  • Sonnenbrille, Kapperl verwenden bei Kontakt mit vielen Menschen damit das Kind etwas geschützter ist und nicht so viele visuelle Reize „einprasseln“
  • Wenn das Kind Hausübung macht: Bewusst schauen, dass Ruhe herrscht und es einen geschützten Platz hat
Fühlen:
  • Gemütlichkeit schaffen – Höhle bauen, Therapieschaukel anschaffen: „Schlauchschaukel“ von Swivy oder Höllerspiel, oder Hängesessel aufhängen, Sitzsack anbieten zum „Hinknotzen“. Diese Dinge helfen, dass das Kind sich und seine Körpergrenzen besser spüren kann
  • Massagegeschichten machen
  • Füße massieren mit warmen Öl
  • Körbchen anbieten mit Dingen die zum Fühlen sind wie Bürsten, Igelball, sogenannte „Nestelspiele, Fummelspiele“
  • Abklopfspiele am Körper machen– hierbei festen und flächigen Druck einsetzen
  • Unter schweren Polster vergraben
  • Wärmereize – Wärmflasche am Bauch/Rücken
  • Mit Gewichtsdecken, oder Gewichtstiere belegen, z.B. auf den Schoß legen beim Essen. Die Beschwerung erdet das Kind und es kann sich besser spüren
  • Hinausgehen in die frische Luft

> Wärme/Massage regt den Parasysmpathikus an, der für die Entspannung des Nervensystems zuständig ist!

Riechen:
  • Immer wieder lüften und für frische Luft sorgen
  • Beobachten ob irgendwelche Gerüche in der Luft sind, auf die das Kind empfindlich ist – Situation in der Küche beobachten!
Schmecken:
  • Beobachten ob Speisen gegessen werden, die das Kind nicht gut toleriert und es noch hibbeliger macht – weil es Konsistenzen sind oder Geschmäcker, für die es zu empfindlich ist
  • Es gibt Gewürze/Speisen die zu mehr „Hitze“ im Körper führen. Ist aber schon sehr viel Hitze, Stress, Gedankenrasen, Hibbeligkeit vorhanden, wäre das zu viel. Wenn das Thema sein sollte – einfach selber mal recherchieren dazu (Anlehnung an Ayurveda/TCM).

Weitere Ideen für die Alltagsgestaltung:

  • Welches Bedürfnis hat das Kind? Ist ihm zuerst mal nach Bewegung und austoben um dann zur Ruhe zu kommen?
  • In die Natur raus, mit Naturmaterialien etwas basteln, bewusst etwas kochen oder backen wo sich das Kind gut spüren kann und sich über seine Hände erfährt und etwas tun muss- schneiden, kneten, pressen, umrühren. Das Tun mit den Händen beruhigt den Geist!
  • Bewusst mehr Langsamkeit und Achtsamkeit einbauen. Bin ich selbst sehr hektisch und schnell? Das kann sich übertragen auf das Kind!
  • Zeichnen, gemeinsam spielen, vorlesen
  • Bewusst Zeit nehmen für Mahlzeiten. Von einem älteren Kindergartenkind kann man durchaus verlangen, mind. 20 Minuten bei Tisch zu sitzen. Eventuell mit Timer arbeiten.
  • Regelmäßigkeit bei den Mahlzeiten – kein Handy, keine zusätzlichen visuellen Reize – vielleicht ein kleines Tischgebet – Anfangsritual um zu starten.
  • Rituale zum Schlafengehen!
  • Achtsamkeit: Sich einfach mal die Zeitnehmen und bewusst Wolken, Bäume, Tiere beobachten und sich auf eine Sache fokussieren und versuchen alles andere auszublenden. Oder bewusst nur Geräusche wahrnehmen und alles aufzählen. Die Fokussierung auf einzelne Sinne ist so wichtig in der heutigen schnelllebigen Welt, die gerade für sensible Kinder sehr belastend sein kann.
  • Timer einsetzen und z.B. vorzeitig Aufräumen ankündigen
  • Und wie gesagt, bewusst Tage einbauen wo keine Termine und keine Besuche sind! Letztens das Wort gehört. „Pausentage“

Wichtige Anmerkung:

  • Man kann das Kind nicht vor allen Stressoren schützen, aber man kann die Balance finden zwischen zu viel und zu wenig Reizen.

Was kannst du selber tun?

  • Situation zunächst mal annehmen so wie sie gerade ist -was nicht heißt, dass sie nicht verändert werden darf. Aber erster Schritt: Akzeptanz
  • Grundtemperament vom Kind annehmen (was auch hier nicht heißt, dass man bestimmte Verhaltensweisen nicht verändert werden dürfen, wenn es ein Problem darstellt).
  • Auch als Mama/Papa Handykonsum hinterfragen und reduzieren – zumindest vorm Kind
  • Zeitnehmen fürs Kind – bewusster Blickkontakt/Körperberührung an der Schulter wenn du mit ihm sprichst.
  • Ist das Kind sehr laut und überdreht, bewusst selber leise sprechen, flüstern. Nicht von einem Raum zum anderen „schreien“ und meinen, dann reagiert das Kind. Je lauter das Kind desto leiser darfst du werden. Singen beruhigt ebenfalls sehr.
  • Um Hilfe bitten – wenn es dir selber gerade zu viel ist – Was gibt dir selber gerade Kraft?
  • Sich fragen: Gebe ich dem Kind genügend Grenzen?
  • Wie sieht es mit Entscheidungen aus? Trifft das Kind zu viele Entscheidungen, die nicht kindgerecht sind, weil ich ständig zu „viel“ frage oder zu viel Wahlmöglichkeiten gebe? Beispiel: Nicht gut: Was willst du heute essen? Besser: Willst du heute ein Butterbrot oder ein Marmeladensemmerl zum Frühstück? Wenn ich das Kind wählen lasse, immer Auswahl begrenzen (zwischen zwei Dingen bei jüngeren, max. drei bei älteren). Wo ist es mein Job als Erwachsener Entscheidungen fürs Kind zu treffen? Wo ist Mitbestimmung beim Kind wichtig und gesund?
  • Bin ich klar in meinen Aussagen? Bin ich mir selber klar, was ich denn will? Unklarheiten von mir können sich übertragen und ebenfalls zu Stress führen.
  • Wie kann ich mich selber entspannen und Ruhe hineinbringen in meine Bewegungen, meine Sprache? Vorbildwirkung!! Denn Kinder ahmen gerne nach und übernehmen das was du ihnen vorlebst!
  • Gibt es gerade andere äußere Stressoren, die nicht vom Kind kommen, sondern von der Umgebung oder von mir als Elternteil?
  • Dich auf die Suche begeben, was von all den Tipps hier für dein Kind hilfreich ist und was absolut nicht hilft 🙂
  • professionelle Unterstützung suchen, wenn eine sensorische Integrationsstörung, ADHS, Autismus oder anderes dahinter stecken kann.

Ich hoffe ich konnte einen kleinen Überblick geben! Alles Liebe, Christina

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