Muss ich als Therapeut immer die Lösung und alle Alltagstricks/Hilfen wissen?

Was tun, wenn Erkrankungen nicht besser werden? Wie können Klienten begleitet werden, dass sie ihre Situation annehmen und offen für andere Lösungen sind?

Lange Zeit dachte ich, dass ich als Therapeut immer die Lösung wissen muss, wie etwas funktioniert. Und dass ich mich schlecht fühlte, wenn Erkrankungen einfach chronisch waren und nur mehr kompensatorisch gearbeitet werden konnte.

Angenommen, die Klientin – eine ältere Dame die sich noch gerne einen Zopf/Haarknoten macht, kann aufgrund einer degenerativen Schultererkrankung links keine aktive Überkopfbewegung mehr durchführen. In der Ergotherapie möchte sie das wieder lernen. Kann sie mit meiner Hilfe ihr Vorhaben erreichen? Im folgenden Artikel werde ich darauf eingehen, wie das in der Therapie aussehen kann und ob ich als Therapeut alles wissen muss…

Ihr Ziel ist es, dass sie sich wieder die Haare alleine frisieren und sich einen Zopf machen kann.

Meine Schwierigkeit war bisher, dass ich bei solchen Situationen etwas nervös war. Wir als Ergotherapeuten sind ja schließlich Alltagsexperten. Der Alltag sieht aber bei jedem anders aus, bzw. ist es bei jedem Menschen unterschiedlich, wie die Voraussetzungen sind. Die körperlichen, die kognitiven, als auch die emotionalen. Jeder Mensch ist so individuell, dass auch Hilfsmittel nicht für jeden passen. Man muss als Therapeutin wirklich ausprobieren – gemeinsam mit dem Klient. Ich habe mir dann lange den Druck gemacht, dass ich dem Klient eine fixfertige Lösung präsentieren muss. Aber, das ist zum Glück nicht so, wie ich noch beschreiben werde!

Um das Ziel zu erreichen benötigt es zunächst in der Befundung eine Aktivitätsanalyse – Welche vorhandenen Funktionen sind noch da? 

Wie ist die Fingerbewegung der linken Hand? Kann sie nur aktiv keine Überkopfbewegung mehr, oder auch passiv nicht? Wie ist die Wahrnehmung? Wie ist die Stimmung? Wie spürt sie den Arm/Hand? Wie gut ist sie auf den Beinen? Wie ist die allgemeine Beweglichkeit? Wie ist das Gleichgewicht? Wie sind die räumlichen Bedingungen? Lebt sie alleine?Wie ist die Kognition? All das sind Fragen, die sich Ergotherapeuten stellen. Wir analysieren anhand einer Aktivitätsanalyse, wo Klienten die konkrete Tätigkeit durchführen. Aufgrund dessen, stellen wir weitere Überlegungen an und gestalten unsere Therapie.

Die Option von Kompensationsstrategien:

Wenn wir im Verlauf der Behandlung merken, dass sich durch vermehrtes Üben keine Verbesserung einstellt, kommen kompensatorische Strategien zum Einsatz. Dies Klienten einfühlsam zu erklären, ist oft nicht leicht. Und da spielt die Akzeptanz, die innere Resilienz – wie gestärkt der Klient mit solchen Situationen umgehen kann, eine große Rolle. Ich als Therapeutin kann dabei unterstützen. Zum Beispiel durch Fragen wie: Was brauchst du, dass du das akzeptierst? Woran würdest du erkennen, dass du deine Situation angenommen hast?  

Ich habe mich in der Vergangenheit häufig als „versagt“ gefühlt, wenn ich eine Erkrankung nicht besser machen konnte. Oder ich dachte, dass ich immer alles wissen muss.

Wir sind aber keine Wunderheiler. Und die Klienten dürfen lernen, dass wir als Therapeuten Möglichkeiten mitgeben, wie sie selber auf Lösungen kommen. Das ist nachhaltiger und es ist nachgewiesen, dass der Mensch viel eher etwas annimmt, wenn er selber die Antworten findet.

Den Klient in die Eigenverantwortung zu bringen, zu befähigen Lösungen zu finden und zu sagen, weißt du, ich kann deine Erkrankung nicht besser machen, aber ich kann dir zeigen, wie du damit Frieden schließt und wie du andere Lösungen finden kannst, ist für beide Seiten eine große Erleichterung. Weil der Klient langfristig davon profitieren wird.

In der Therapie wird in bestimmten Fachbereichen zunehmend dahingehend gearbeitet, dass der Therapeut die Rolle eines „Coaches“ übernimmt, wo der Klient aktiv in den Problemlösungsprozess miteinbezogen wird. Wie kann es also möglich gemacht werden, dass sich die Klientin mit eingeschränkter linker Schulterbeweglichkeit einen Zopf machen kann?

Den Klient fragen: Was hast du für Ideen? Welche Veränderungen müsste man machen? Wo könntest du dir weitere Ideen holen? (Youtube Videos ansehen, googeln). Auch ältere Klienten sind was Internet betrifft sehr offen-  ist meine Erfahrung.

Meine Aufgabe als Therapeutin kann sein, dass ich mit der Klientin im Internet recherchiere bezüglich Einhand Strategien. Ich könnte mit ihr auch nach Hilfsmittel recherchieren.

Die Ziel-Plan-Tu-Check Methode aus dem CO-OP Ansatz (von zwei kanadischen Ergotherapeutinnen entwickelt) ist an dieser Stelle eine super Möglichkeit, damit der Klient in die Eigenverantwortung kommt und eigene Ideen/Strategien findet. Hier kannst du nachlesen: COOP Ansatz  Diese Methode ist nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene geeignet, da eigenverantwortliches Denken gefördert wird und sie selber Lösungen finden.

Hier noch ein paar Anregungen für die Schulterklientin aus dem obigen Beispiel:

Wie könnte man es noch möglich machen, damit die Klientin doch noch selbst einen Zopf binden kann:

Räumliche Veränderungen: nach vorne gebeugt arbeiten, im Liegen, mit Anlehnen, am Tisch wo die linke Hand aufliegt etc.

Veränderungen des Materials: Wenn Haargummi nicht funktioniert – eventuell größere Haarspange, andere Haarmasche probieren. Mit Föhnschaum arbeiten, damit man bei den Haaren nicht so leicht abrutscht etc.

Emotionale Veränderung: Wenn wirklich gar nichts funktioniert… Fragen an die Klientin stellen: Welche Möglichkeiten fallen dir noch ein, wie du das mit den Haaren lösen kannst? Hilfe organisieren? Einmal in der Woche Frisör leisten? Haare kurz schneiden? Gibt es Tage, wo es doch noch funktioniert?

 

Wenn wirklich alle Strategien ausgeschöpft wurden, dann ist es hilfreich die eigene innere Einstellung anzupassen- in dem die Situation angenommen wird und sich für neue Möglichkeiten zu öffnen. Oder der/die Klient(in) bleibt so lange dran bis es möglich wird.

Wenn Dinge nicht funktionieren, dann ist das Loslassen und Annehmen der Situation ein für mich sehr stimmiger Weg, wo mein Auftrag als Therapeutin sein kann, dahingehend zu begleiten. Die Frau aus dem obigen Beispiel, wollte keine Einhandstrategien. Sie ist mit meiner Unterstützung zu der Idee gekommen, dass sie sich einmal in der Woche einen Frisör leistet. Sie hat eine für sich stimmige Lösung gefunden – auch wenn sie anders aussieht, als die Klientin zu Beginn erwartet hat, war das für sie ein Therapieerfolg.

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