Ergotherapie bei Kindern – meine Schwerpunkte

Im folgenden Artikel gehe ich auf die Arbeit mit Kindern ein, was die häufigste Ursache für Ergotherapie bei Kindern ist (für wen es also ist), wie das mit der Diagnose am Verordnungsschein ist, wann und wo weitere diagnostische Abklärungen notwendig sind und ich gehe darauf ein, welche Betätigungsprobleme das Kind haben kann – wie sich dies äußert. Weiters schreibe ich kurz über Elternarbeit ein und welche Interventionen in der Ergotherapie zum Einsatz kommen. Und zu letzt schreibe ich kurz über meine persönlichen Schwerpunkte bei Schulkindern.

Das Ziel der Ergotherapie bei Kindern ist, dass es zu einer Erleichterung des Alltagslebens mit dem Kind zuhause und/oder Schule/Kindergarten kommt, wenn das Kind Betätigungsprobleme hat.

Mögliche Ursachen bzw. die häufigsten Diagnosen nach ICD 10 für Probleme im Alltagsleben sind:

  • Umschriebene motorische Entwicklungsstörungen (UEMF)
  • Umschriebene Entwicklungsstörungen schulischer Funktionen
  • Hyperkinetische Störung (motorisch unkontrolliert, unkoordiniert, überschießende Bewegung, stößt viel an etc.)
  • Tics
  • Störung des Sozialverhaltens
  • Auffälligkeiten in der Aufmerksamkeit wie AD(H)S
  • Regulationsstörungen
  • Grafomotorische Schwierigkeiten
  • Verschiedene Syndrome wie Autismus
  • Cerepral Parese
  • Regulationsstörung
  • Schwierigkeiten mit der Handlungsplanung (Arbeitsschritte in sinnvoller Reihenfolge durchführen)
  • Sensoperzeptive Schwierigkeiten (Über oder unterempfindlich was das Spüren betrifft)
  • Intelligenzminderung

Wie ist das Vorgehen, damit ein Kind Ergotherapie bekommt?

Damit ein Kind Ergotherapie bekommt bzw. die Eltern Teile der Therapiekosten von der Krankenkasse refundiert bekommen, ist ein Verordnungsschein nötig.

Hierbei MUSS der Arzt eine Diagnose stellen (kann auch ein Hausarzt sein, muss kein Kinderarzt sein). Oftmals schreibt der Arzt dann als Diagnose UEMF.

Neben der Diagnose muss der Name des Kindes und die Dauer/Frequenz vermerkt sein: 10×60 Minuten Ergotherapie.

Für manche erscheint dies vielleicht als eine Hürde bzw. als Stigmatisierung des Kindes. Ich sehe es so, dass eine Diagnose einfach benötigt wird und letztendlich zur Erleichterung führt, weil dann entsprechend mit der Therapie begonnen werden kann. Ergotherapeuten unterstehen außerdem der Schweigepflicht. Wenn ein Erwachsener sich einen Verordnungsschein für eine Heilmassage holt, muss der Arzt auch eine Diagnose stellen, wie HWS Syndrom etc. Es ist also eine reine Formalität.

Nicht jedes Kind hat gleich eine ausgeprägte Störung wenn es zur Ergotherapie kommt, vielleicht nur ein paar Symptome.

Aber damit es trotzdem entsprechend Hilfe bekommt, muss der Arzt auf den Schein eine Diagnose schreiben.

Was tun, wenn weitere Abklärungen notwendig sind?

Ist bei dem Kind vieles unklar und hat es global gesehen, sehr viele Auffälligkeiten, bzw. der Verdacht auf ein Syndrom wie Autisum etc. ist eine ausführliche Untersuchung in der Kinderklinik in Linz unbedingt ratsam und wäre aus meiner Sicht sehr fahrlässig dem nicht nachzugehen, weil es letztendlich immer zu einer Erleichterung führt (auch wenn es im ersten Moment eine große Hürde ist).

Liegt bei dem Kind der Verdacht auf eine Lernstörung vor, weil sich das Kind erheblich schwer tut, ist eine psychologische- klinische Abklärung bezüglich Legasthenie, Dyskalkulie, Intelligenz, räumliche Wahrnehmung absolut empfehlenswert. Da in der Kinderklinik die Wartezeit 1 Jahr beträgt, kann dies auch privat bezahlt werden. Zum Beispiel hier:

https://www.gemeinschaftspraxis-psychologie.at/ Standorte in Steyr und in Thalheim bei Wels oder andere Psychologen.

Wie äußern sich die oben genannten Ursachen/Diagnosen in Form von Betätigungsproblemen?

In der Ergotherapie ist die Teilhabe und das möglichst selbstständige Handeln oberstes Ziel. Man geht von 4 Lebensbereichen aus: Selbstversorgung, Produktivität (Schule/KIGA), Freizeit, Erholung

  • Es kann sein, dass es im Bereich Selbstversorgung (Anziehen, Körperpflege wie Schuhbänder binden, Zähneputzen,  etc.) Schwierigkeiten hat.
  • Dass es in der Schule/KIGA Schwierigkeiten hat im Sozialverhalten (wenig Freunde, viel Streit), nicht verlieren kann, Probleme mit dem Zuhören hat, keinen Blickkontakt hat, unsicher, schüchtern und zu angepasst ist, dass es Aufträge nicht durchführt, viele Fehler macht, sich schwer mit dem Lernen tut, viel anstoßt, stolpert, unleserliche Schrift hat, im Unterricht nie mitkommt, viel abgelenkt ist, verträumt ist, beim Abschreiben von der Tafel die Zeile verliert und nicht mitkommt mit dem Abschreiben weil es nicht zwei Sachen gleichzeitig machen kann (hinschauen-abschreiben, vielleicht auch noch zuhören) etc.
  • Dass es Zuhause Konflikte mit dem Schlafengehen gibt, beim Essen, die HÜ Situation eine Qual ist und Konfliktpotential bietet, Haushaltspflichten aus welchen Gründen auch immer nicht durchführt etc.
  • Freizeit: Sportliche Aktivitäten im Vergleich zu Gleichaltrigen nicht schafft, radfahren, schwimmen etc.
  • Erholung: sich nicht alleine und in Ruhe beschäftigen kann, lesen, Buch anschauen, Hörgeschichten hört, nicht „runterkommt“, etc.

Die Gründe warum das Kind etwas nicht kann, wird in der Ergotherapie in der Befundung herausgefunden und daran gearbeitet. Es kann sein, dass es am Verhalten liegt, an der Kognition (weil es nicht versteht wie es geht), an der Motorik des Kindes, an der Umwelt (es ist etwas zu hoch positioniert, es liegt am Material, zu viele Reize, keine Ordnung – Beispiel: Kind weigert sich Zähneputzen. Es stellt sich in der Therapie raus, dass die Zahnpasta zu scharf ist), am Umfeld: zu wenig Anleitung und Unterstützung kommt von den Eltern, oder es zu wenig Freiraum hat und die Eltern alles übernehmen, zu wenig loben, zu wenig konsequent sind etc.) oder am Spüren: Körperwahrnehmung

Elternarbeit/Training ist fester Bestandteil der Therapie:

In der Ergotherapie ist der Hauptklient das Kind und die Nebenklienten sind die Eltern. Denn wie schnell sich eine Verbesserung einstellt, ist mit den Eltern gekoppelt. Es ist daher Voraussetzung, dass die Eltern aktiv mitarbeiten, Elternaufgaben bekommen, sowie das Kind Ergoaufgaben für Zuhause. Einmal in der Woche Ergotherapie wäre viel zu wenig, als dass sich schnell Verbesserungen einstellen. Je nach dem sind 15-20 Einheiten im Durchschnitt notwendig.

Ich betone immer wieder, dass eine aktive Mitarbeit und eine Veränderungsbereitschaft bestehen muss.

Ergotherapie ist eine multimodale Therapie:

Da die Gründe warum ein Kind etwas nicht kann, ganz viele Ursachen haben kann, kommen 3 verschiedene Interventionen zum Tragen:

  • Kindzentrierte Interventionen (sensomotorisch perzeptiv, kognitiv, Psychoedukation – damit ist die Aufklärung, das Besprechen warum und wieso was gemacht sein muss, Wissensvermittlung, Lösungen finden gemeint)
  • Umfeldzentrierte Interventionen (Elterntraining/Beratung, Zusammenarbeit mit Lehrer und Pädagogen)
  • Umweltzentrierte Interventionen (Anpassungen zuhause/Schule: Ergonomie – Dynamisches Sitzen im Wechsel mit aufrechtem Sitz, Hilfsmittel etc.)

Weitere Erklärungen dazu unter: Therapiemaßnahmen

Meine Schwerpunkte liegen bei Schulkindern im Alter ab 6 Jahren:

Aufgrund von Schwierigkeiten mit der Handlungsplanung, der Selbstregulation, der Koordination, der Grafomotorik, der Aufmerksamkeit, entwickelt das Kind Schwierigkeiten im Alltag. Meine Arbeit als Therapeutin ist es, gemeinsam mit dem Kind und den Eltern konkrete und bedeutungsvolle Betätigungsziele zu finden, um die Probleme zu lösen.

Im Folgenden zeige ich Beispiele an Probleme auf, die das Kind haben kann und wo ich als Ergotherapeutin unterstütze:

Betätigungsprobleme auf der Ebene

1: Selbstversorgung

– Eigene körperliche Versorgung:

  • Das Kind kann sich nicht alleine abwischen nach dem Toilettengang
  • wäscht sich nicht die Hände
  • kann sich die Haare nicht frisieren
  • putzt sich die Zähne nicht oder ordentlich, oder weigert sich
  • ständig gibt es Diskussionen beim Schlafengehen
  • trödelt in der Früh beim Aufstehen, anziehen
  • kann die Schuhbänder nicht binden
  • Essen mit Messer und Gabel funktioniert nicht gut
  • etc.

– Mobilität:

  • Merkt sich den Schulweg nicht,
  • will immer gefahren werden
  • stolpert über die eigene Füße
  • verpasst ständig den Bus
  • sehr ungeschickt, stoßt oft wo an
  • etc.

– Regelung persönlicher Angelegenheiten:

  • Vergisst Abmachungen, Termine – muss ständig erinnert werden
  • kann mit Taschengeld nicht umgehen
  • Räumt Zimmer nicht auf und findet nie seine Sachen
  • viel Chaos
2. Produktivität/ Schule:
  • Oft Streit mit anderen Schüler
  • kann nicht verlieren
  • benötigt viel Zeit für Hausübung und Durchführung von Aufträgen, bis es überhaupt anfängt,
  • muss von der Lehrerin ständig erinnert werden und jeder Schritt muss gesagt werden was zu tun ist
  • merkt sich Aufträge nicht
  • kann nicht bei der Sache bleiben
  • ist schnell abgelenkt, zappelt, stoßt an,
  • geht nicht gerne in die Schule
  • unleserliche Schrift
  • Stifthaltung ist schwierig, drückt zu fest, verkrampft, zu langsam
  • verliert ständig die Zeile beim Schreiben/Lesen
  • hört nicht zu, macht viele Fehler bei der Ansage, Textaufgaben fallen schwer, hat oft keinen Plan wie er vorgehen soll bei Aufgaben
  • Kann Blickkontakt nicht halten zu Lehrer/Schüler/anderen Personen
  • spricht dazwischen und kann nicht warten bis es an der Reihe ist
  • Hausübung, Aufräumen, Schlafen/Aufstehen, Essen, Medienkonsum ist oft Konfliktpotential
  • vergisst ständig Materialien
  • Schultasche ist ein Chaos

-Versorgung von Tieren/Gartentätigkeiten:

  • Kind bringt sich nicht ein, hat keine Verantwortlichkeiten, hat hierbei irgendwo Schwierigkeiten
  • Kümmert sich nicht um sein Haustier, versorgt es nicht, muss erinnert werden

-Haushaltsmithilfe:

  • Hilft nicht mit, gibt ständig Streit; weigert sich, ist unordentlich
3. Freizeit:
  • Hat keine Hobbys/Interessen/Ideen
  • kann sich nicht beschäftigen und dabei bleiben bei einer Aktivität
  • kann nicht radfahren, schwimmen, Rollerfahren
  • kommt nicht zur Ruhe
  • Hat keine Freunde, oder streitet viel, gibt oft Probleme mit anderen Kindern
  • Kann sich nicht alleine beschäftigen will nur fernsehen, Computer – gibt Konflikte
  • kann mit kleinen Materialien nicht hantieren (Knöpfe, Perlen, ist ungeschickt)
  • vermeidet alles was mit Logik, Strategie, Visuell-Räumlichem zu tun hat
4. Erholung:
  • kann sich nicht alleine in Ruhe beschäftigen
  • liest nicht gerne Bücher, schaut Bilderbücher an, bekommt nicht gerne vorgelesen, oder hört Hörgeschichten
  • kommt nicht „runter“

Das alles sind Beispiele, wo ein Kind Betätigungsprobleme haben kann. Ob Ergotherapie bei Ihrem Kind das Richtige ist, kann beim Telefongespräch schon erhoben werden.

Das Wunstorfer Konzept, nach dem ich vorwiegend meine Arbeit gestalte, ist ein Leitfaden für moderne, aufgaben – und betätigungsorientierte, individuumszentrierte, multimodale und effektive Ergotherapie in der Pädiatrie (Kinderbereich). Hierbei kommen viel Alltagstricks und Strategien zum Einsatz.

Es besteht aus verschiedenen Bausteinen, wo eine aktive Mitarbeit der Eltern Voraussetzung für das Gelingen der Therapie notwendig ist.

Das war ein kleiner Blick hinter die Kulissen in das Tätigkeitsfeld mit Kindern.

Bei Fragen bin ich gerne unter praxis@ergo-life.at erreichbar

Alles Liebe, Christina